Ein einsamer Ort vereint die beiden schicksalhaftesten Spielarten des Kinos: den Film Noir und das Melodram. Der Klassiker von Nicholas Ray brilliert mit einem starken Drehbuch und lebt besonders von Hauptdarsteller Humphrey Bogart, der die beste Leistung seiner langen Karriere abruft.

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Filmkritik:

Der Filmtitel Ein einsamer Ort verweist auf zwei Plätze zugleich: Zum einen beschreibt er das Innenleben des Drehbuchautors Dix Steele, der seit Jahren kein Script mehr geschrieben hat. Er schirmt sich hinter einer Wand aus Zynismus und übermäßigem Alkoholkonsum ab und gerät nur noch durch cholerische Gewaltausbrüche in die Schlagzeilen.

Als einsamen Ort beschreiben Zeugen auch jene Stelle, wo eine junge Frau tot aufgefunden wird – erwürgt und aus einem fahrenden Auto geworfen wie eine leere Zigarettenschachtel. Steele gilt schnell als Hauptverdächtiger. Ausgerechnet in dieser Situation verliebt er sich erstmals seit vielen Jahren. Es ist die letzte Chance, wieder ein heiler Mensch zu werden, doch der Mordverdacht erweist sich als schwere Hypothek.

Die Arbeit an Ein einsamer Ort leitete die fruchtbarste Schaffensperiode von Nicholas Ray ein, der in den Fünfziger Jahren mit seinen Melodramen für Furore sorgte. Besonders sehenswert sind der mit sexuellen Neurosen übersteigerte Western Johnny Guitar sowie Eine Handvoll Hoffnung, in dem Ray das spießbürgerliche Leben der amerikanischen Mittelschicht hinterfragt.

Knallige Farben und eine larger than life-Attitüde zeichnen diese Arbeiten aus, im einige Jahre zuvor gedrehten Ein einsamer Ort ging Ray noch konventioneller vor. Der Film entwickelte sich unfreiwillig zum persönlichsten Werk des Regisseurs: Die dysfunktionale Ehe mit Hauptdarstellerin Gloria Graham zerbrach zu Beginn der Dreharbeiten, die schwierige Zusammenarbeit der beiden verfinsterte den Tonfall der Produktion.

Dabei besitzt Ein einsamer Ort ohnehin schon einen pessimistischen Ansatz – ein Mord als Grundlage einer Liebesgeschichte, so was gibt es nur im Film Noir. Die Protagonisten der Schwarze Serie sind Verdammte: Ihr fauliges Innenleben treibt sie regelmäßig in Szenarien, in denen sie ihrem Schicksal ausgeliefert sind. Fatalistische Klassiker wie Frau ohne Gewissen zelebrieren das Scheitern der Figuren regelrecht als selbsterfüllende Prophezeiung.

Auch im Melodram zählt das Schicksal zu den wesentlichen Einflussfaktoren, seine Wirkungsweise steht der des Film Noir jedoch diametral gegenüber. Hier indiziert die Umwelt die existenziellen Krisen der Figuren, die selbst keine Schuld trifft. Im Gegenteil: Weil sie sich selbst in prekären Umständen treu bleiben und an das Gute glauben, bewahren sie sich die Chance, den Kampf um Liebe oder Überzeugung zu gewinnen.

In Ein einsamer Ort finden die beiden Spielarten des Schicksalskinos zusammen: Die Menschenfeindlichkeit der Schwarzen Serie trifft auf die Idealität des Melodrams. Daraus resultiert eine reizvolle Uneindeutigkeit – sollen wir dem Film mit der Hoffnung des Melodrams oder dem Zynismus des Film Noir begegnen?

Die Figurenanlage greift diese Problemstellung auf: Bogarts ruppiger Dix Steele ist eine archetypische Noir-Figur, Gloria Grahams idealistische Laurel Gray repräsentiert die Motive des Melodrams. Die Gegensätze der Charaktere tragen erheblich zum Binnenklima des Films bei und werfen die Frage auf, ob die Liebe der beiden selbst ohne Einflüsse von außen funktionieren könnte.

Die Frage bleibt theoretischer Natur, denn die Mordermittlung gegen Steele schwebt ständig über dem Geschehen – und scheint nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Bogarts Rolle ist alles andere als eine Identifikationsfigur, die psychopathischen Tendenzen und die manischen Schübe des Einzelgängers wecken ein Bewusstsein für eine latente Gefahr, die Steele mit sich trägt.

Bogarts Schauspiel ist ein Genuss: Zunächst tritt er spöttisch und abschätzig auf wie in seinen Paraderollen in Tote schlafen fest oder Die Spur des Falken, doch in späteren Szenen löst sich dieser Noir-Gestus auf, denn die Liebe fördert strahlende Augen und ein jungenhaftes Lächeln zutage. Umso bedrohlicher wirken die cholerischen Ausbrüche, die Bogart mit mahlenden Kiefern und verkrampfter Mimik illustriert und dabei offenbart, wie wenig Steele Herr seiner selbst ist.

Folgerichtig durchdringt der typische Fatalismus des Film Noir das Geschehen und etabliert eine diffuse Stimmung. Jedes Gefühl ist von Zweifeln geprägt, die Liebe zwischen den Figuren steht zwangsläufig unter Vorbehalt, das erbarmungslose Schicksal kann die gemeinsame Zeit der Protagonisten in jeder Minute zerschlagen. Nicholas Ray gewinnt dem Szenario durch kleine Überhöhungen eine düstere Poesie ab, was an die Klassiker des Poetischen Realismus erinnert.

Dennoch verkommt Ein einsamer Ort nie zum trockenen Trübsinnsdrama. Vor allem die exzellenten Dialoge treiben den Unterhaltungswert in die Höhe, insbesondere die erste Filmhälfte begeistert durch zahlreiche verbale Scharmützel, in denen scharf und treffsicher geschossen wird. Der Zynismus von Bogarts Zeilen grundiert zudem die misanthropische Stimmung.

In einer solchen Atmosphäre schlägt die Stunde des Schicksals, und in keinem Werk schlägt sie so laut und durchdringend wie in Nicholas Rays Ein einsamer Ort.

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DER REGISSEUR

Die Filme von Nicholas Ray suchen stets das Extreme: Die immer einige Nummern zu dick aufgetragenen Inszenierungen mögen artifiziell wirken, spielen aber virtuos mit Stimmungen und Gefühlen. Insbesondere in seinen Farbfilmen erzeugt der Regisseur eine große emotionale Fallhöhe und eine atemlose Spannung. In den USA wurde Nicholas Ray lange verschmäht, doch für die Urheber der Nouvelle Vague zählte er zu den größten Vorbildern.

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