Tote schlafen fest

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Filmkritik:

Tote schlafen fest zählt zu den bekanntesten Film Noirs der Kinogeschichte. Durch die einzigartige Kombination aus dem Habitus von Hauptdarsteller Humphrey Bogart und dem Wesen von Raymond Chandlers Romanfigur Philip Marlowe zementierte der Klassiker den Archetyp des Privatdetektivs; nicht nur im Film, sondern auch in der globalen Popkultur.

Damit spielte Bogart binnen weniger Jahre die beiden berühmtesten amerikanischen Privatdetektive: zunächst Dashiell Hammetts Sam Spade in Die Spur des Falken und anschließend Marlowe in der zweiten Verfilmung eines Romans von Raymond Chandler. Bereits zwei Jahre zuvor erschien mit Mord, mein Liebling die erste Chandler-Adaption, überzeugte künstlerisch wie finanziell und ebnete damit den Weg für weitere Verfilmungen.

Wie schon in diesem „Vorgänger“, entfaltet sich Chandlers Hang zu verschwurbelten Plotkonstruktionen auch in Tote schlafen fest auf amüsante Weise. Die Produzenten des Films verschlimmerten die Nachvollziehbarkeit der Geschichte sogar noch zusätzlich: Nach negativen Testvorführungen ließen sie erklärende Handlungsszenen streichen, um mehr Drive zu erzeugen.

Der verquaste Plot verwirrte sogar die Beteiligten. Der Legende nach entstand ein Disput zwischen Regisseur Howard Hawks und Hauptdarsteller Humphey Bogart über die Todesursache einer Nebenfigur, sodass sie Raymond Chandler um Aufklärung baten. Der Autor antwortete auf die Frage, ob es Mord oder Selbstmord gewesen sei, schlichtweg mit „Keine Ahnung.“ Das spricht Bände über einen episodenhaft anmutenden Krimi, der einem Puzzle gleicht, bei dem am Ende Teile fehlen. Wie kein anderes Werk der Schwarzen Serie proklamiert Tote schlafen fest, dass Film Noir keine Handlung, sondern einen Zustand bezeichnet.

In Howard Hawks fanden die Produzenten eine Idealbesetzung. Der Regisseur hatte bereits ein Jahr zuvor mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall Haben und Nichthaben gedreht und wusste daher, wie er die Chemie des frisch verliebten Glamourpaares zur Geltung bringen konnte. Außerdem hatte sich Hawks seine Meriten sowohl im Krimigenre (mit Scarface) als auch mit heiteren Screwballkomödien wie Sein Mädchen für besondere Fälle erworben, was der Konzeption von Tote schlafen fest zugutekam.

Denn obwohl es sich grundsätzlich um einen düsteren Kriminalfilm handelt, besitzt Hawks‘ Werk im Gegensatz zur Romanvorlage einen deutlichen Screwballcomedy-Einschlag und spielt seine Starpower zur Gänze aus. Die gemeinsamen Szenen von Bogart und Bacall erhalten viel Raum und ihre zweideutigen Dialoge spiegeln die vermeintlich privaten Intimitäten der beiden Stars wieder; einige Monate nach den Dreharbeiten heirateten sie.

Tatsächlich lebt Tote schlafen fest zu großen Teilen von seinen zugkräftigen Hauptdarstellern und der im liebevollen Sinne verschrobenen Story, doch die dafür vorgenommenen Änderungen erweisen sich als zweischneidiges Schwert. Liebhaber des Romans finden hier nur einen Torso der ausgeklügelten Handlung der Vorlage wieder, durch die groben Auslassungen und Entschärfungen verliert der Plot an Tiefe. Vor allem aber fehlt das einzigartige Sprachgefühl von Raymond Chandler, dessen Dialoge zu selten übernommen werden.

Die anspielungsreichen Wortduelle aus der Feder des nicht minder begabten Pulitzer- und Literaturnobelpreisträgers William Faulkner überzeugen zwar auch und verdeutlichen die Chemie zwischen Bogart und Bacall, verstärken damit allerdings auch die gegenteilige inhaltliche Ausrichtung der Verfilmung. Die sinistre Stimmung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir hier einen auf Nummer sicher gebürsteten A-Noir sehen, der in jeder Hinsicht gut gemacht ist, aber eben wenig mit den kompromissloseren Werken der Schwarzen Serie gemein hat.

Hawks‘ Klassiker sorgt für gute Unterhaltung, dennoch muss sich Tote schlafen fest sowohl stilistisch als auch inhaltlich klar hinter der bravourösen ersten Chandler-Adaption Mord, mein Liebling einreihen.

Handlung:

Privatdetektiv Philip Marlowe wird von Millionär Sternwood beauftragt, eine Bande von Erpressern unschädlich zu machen. Bevor er mit seiner Arbeit beginnt, trifft er auf die beiden exzentrischen Töchter Sternwoods, Vivian und Carmen. Kurz darauf, nachdem er einem schwunghaften Handel mit pornographischer Literatur auf die Spur gekommen ist, findet er die unter Rauschgift stehende Carmen neben der Leiche eines der Erpresser…

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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