Mord, mein Liebling erschien 1944 und zählt zu jenen vier frühen Werken, anhand derer der französische Filmkritiker Nino Frank für die aufkommende Welle an düsteren Kriminalfilmen den Begriff Film Noir ableitete. Außerdem stellt das Werk von Edward Dmytryk die erste vorlagengetreue Adaption eines Romans von Krimilegende Raymond Chandler dar und verhilft dem berühmtesten Privatdetektiv der Kinogeschichte zu seinem ersten Auftritt.

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Filmkritik:

Zwei Jahre, bevor Humphrey Bogart mit seiner Darstellung des Philip Marlowe in der nächsten Chandler-Verfilmung Tote schlafen fest das Image des Private Eye für alle Zeiten prägen sollte, gab es noch keine allgemein anerkannte Verkörperung eines Film Noir-Detektivs.

Nur so ist es auch zu erklären, dass kein zerknitterter alter Haudegen die Hauptrolle in Mord, mein Liebling ergatterte, sondern der zuvor auf Musicals abonnierte Dick Powell, der einen Wechsel ins Charakterfach anstrebte. Dabei steht Powell den späteren Marlowe-Darstellern in nichts nach: Er spielt den Detektiv eher ironisch als zynisch und erreicht nicht Bogarts physische Präsenz, findet aber den genau richtigen Grad zwischen Abgebrühtheit und Gefühl. Powells Intuition für leise Komik bereichert seine Darstellung ungemein.

Dabei profitiert der Hauptdarsteller auch von der ausgezeichneten Romanvorlage und ihrem herrlich konfusem Plot, für den der faule Chandler schlichtweg drei frühere Kurzgeschichten kombinierte. Das Ergebnis weist einige erzählerische Leerstellen auf und erscheint wenig plausibel, doch die Irrungen und Wirrungen der Geschichte verschleiern ohnehin jegliche Makel und sorgen gehörig für Spaß.

Im Gegensatz zu späteren Adaptionen vertraut Mord, mein Liebling zurecht auf die literarische Qualität des Romans. Chandlers fantastische Sprache trägt enorm zum Unterhaltungswert des Films bei und fließt im Voice-Over und den spitzzüngigen Dialogen teilweise eins zu eins ein. Sätze wie „Sie war eine nette Frau mittleren Alters, mit einem Gesicht wie ein Eimer voll Schlamm“ sorgen für viel Flair und diverse verbale Höhepunkte.

Auch optisch ist Mord, mein Liebling ein Genuss. Edward Dmytryk mag den typischen Stil des Film Noir entgegen eigener Behauptungen nicht erfunden haben, trug aber wesentlich zur Festigung der Elemente der Strömung bei. Die ausgeprägte Low-Key-Beleuchtung und die stimmigen Kameraperspektiven setzen regelmäßig visuelle Highlights, als Zugabe liefert der Film noch zwei launige Traumsequenzen, die mit ihren Doppelbelichtungseffekten an den Expressionismus der Stummfilmzeit erinnern.

Obwohl Mord, mein Liebling nie die Popularität anderer früher Noirs wie Frau ohne Gewissen oder Laura erreichte, muss sich Dmytryks Werk gewiss nicht vor seiner Konkurrenz verstecken; es handelt sich um nicht weniger als die beste Raymond Chandler-Adaption und den Ausgangspunkt für eine Reihe ähnlich gelagerter Detektivfilme der nächsten Jahre. Mord, mein Liebling ist ein inhaltlich wie formal archetypischer Film Noir von weit überdurchschnittlicher Qualität.

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DIE ÄRA

Die Vierziger Jahre wurden durch den Zweiten Weltkrieg geprägt. Die pessimistische Weltlage schwappte in die Filmwelt über und sorgte für einen ernsteren Tonfall und düstere Bilder. Gleich zwei Strömungen von Weltruf entstanden in diesem Jahrzehnt: Der Film Noir mit seinen harten Genrefilmen und der Italienische Neorealismus mit seinem Pessimismus.

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DIE STRÖMUNG

Rund zwanzig Jahre lang bereicherte Hollywood die Kinos mit düster gestalteten Kriminalfilmen. Deren heruntergekommende Detektive und abgebrühte Femme Fatales gingen ebenso in die Popkultur ein wie ihr pessimistischer Tonfall. Damit zählt die Schwarze Serie auch abseits seiner zahllosen Klassiker zu den einflussreichsten Strömungen der Filmgeschichte.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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