Mit dem 1962 veröffentlichten Politkrimi Botschafter der Angst startete der Regisseur John Frankenheimer seine Paranoia-Trilogie, die er kurz darauf mit Sieben Tage im Mai (1964) fortsetzte und mit dem kafkaesken Drama Der Mann, der zweimal lebte (1966) abschloss. Gerade weil Botschafter der Angst einige Macken aufweist, besitzt der Film einen ganz eigenen Charme.

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Filmkritik:

Frankenheimer wagt sich hier deutlich an zu viele Themen und verhebt sich damit ordentlich, sodass viele Bezüge nur oberflächlich behandelt werden. Botschafter der Angst nutzt ein Potpourri an Genres und serviert gleichzeitig einen absurden Agentenfilm, eine Satire, einen Thriller, ein pessimistisches Melodram sowie eine optimistische Romanze. Weder ist der Film besonders spannend, noch glaubwürdig, dazu verliert er aufgrund einiger Abschweifungen an Geradlinigkeit. Die Mischung aus garstigem Humor und bedrohlichen Spannungsszenen wirkt ebenfalls alles andere als rund.

Dennoch überzeugt Botschafter der Angst trotz dieser Abstriche und verdankt dies zu einem Großteil seiner fantastischen Besetzung. Sinatras Hauptrolle bringt Identifikationspotenzial, während der überragende Laurence Harvey dem Film seinen Stempel aufdrückt. Gleichzeitig Opfer und Täter, geprägt durch einen Ödipuskomplex und in kommunistischer Gefangenschaft gehirngewaschen, bildet seine ambivalente Figur das Zentrum des Films. Trotz deutlich archetypischerer Figur begeistert auch die nur drei Jahre ältere Angela Lansbury als intrigante Mutter.

Die einzelnen Bestandteile von Botschafter der Angst mögen kein rundes Gesamtergebnis ergeben, für sich allein überzeugen jedoch zahlreiche Szenen. Frankenheimer inszeniert eine wunderbar comichafte Traumsequenz, in der die Gehirnwäsche der gefangenen Soldaten durch die Kommunisten mit Bildern eines Damenkränzchens (!) durchsetzt wird; Sinatra prügelt sich mit irrwitzigem Karate durch eine Wohnung; eine erschütternde Mordszene unterstreicht die Wirksamkeit der Gehirnwäsche, als Laurence Harveys Figur zwei der sympathischsten Figuren des Films kaltblütig erschießt; auch das spannende Finale bleibt in Erinnerung.

Hinzu kommt noch die inhaltliche Grundtugend des Films, es sich nicht zu leicht zu machen. Anstatt in der Hysterie der McCarthy-Ära in den Chor der Kommunistenjäger mit einzustimmen, geht Botschafter der Angst wie auch der zugrunde liegende gleichnamige Roman von Richard Condon noch einen Schritt weiter. Er schießt sich nicht auf das leichte Ziel ein, sondern erhebt eine allgemeingültige Anklage gegen bloßen Populismus und blinde Vorurteile und fordert dazu auf, Themen zu durchdringen und Thesen zu hinterfragen.

Was zunächst noch als Krimi mit satirischem Unterton funktionierte, wurde von der Realität eingeholt – rund ein Jahr nach der Veröffentlichung wurde John F. Kennedy ermordet, was die Vereinigten Staaten in eine Krise trieb und Co-Produzent Frank Sinatra dazu veranlasste, den Film jahrelang aus dem Verkehr zu ziehen.

Botschafter der Angst besitzt wenige Gemeinsamkeiten mit den ausgefeilten Klassikern des Genres; abseits von Plausibilitätsfragen und einer geradlinigen Konzentration auf Wesentliches sorgt Frankenheimers Krimi jedoch für gute Unterhaltung und stellt ein interessantes Dokument seiner Zeit dar.

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Die Sechziger Jahre zählen zu den revolutionärsten Jahrzehnten der Kinogeschichte. Mehrere Strömungen – die neuen Wellen – verschoben künstlerische Grenzen und modernisierten die Filmsprache. Viele Regisseure ließen die Themen der vorherigen Generationen hinter sich und drehten freiere, gesellschaftskritischere Werke.

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Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunnits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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