Eine reine Formalität

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Filmkritik:

Das fantastische Kammerspiel Eine reine Formalität entfaltet mit minimalem Aufwand eine fesselnde, wendungsreiche Krimihandlung um einen berühmten Mordverdächtigen, der sich eine ganze Nacht lang dem Verhör eines Polizeiinspektors ausgesetzt sieht. Aufgrund des raffinierten Drehbuchs, toller Darsteller und der mangelhaften Veröffentlichungslage avancierte der Film von Giuseppe Tornatore zum Geheimtipp.

„Das ist wie in einem B-Movie!“, schreit der verärgerte Mann, den die Polizei mitten in einer regnerischen Nacht ohne Ausweis aufgegriffen und auf das Revier gebracht hat. Er hat Recht, denn die ländliche Dienststelle hat ihre besten Tage schon lange hinter sich: Modrige Aktenberge stapeln sich meterhoch, ständig fällt die Elektrizität aus und zahlreiche Eimer stehen bereit, um das aus der löchrigen Decke tropfende Regenwasser aufzufangen.

Das donnernde Unwetter und die abgewrackte Polizeistation böten als kafkaeske Szenerie ein fast schon amüsantes Bild, wäre die Lage nicht so ernst. Nicht nur erweist sich der Festgenommene als der berühmte französische Romancier Onoff und schätzt als solcher die saloppe Art des Hauses nicht sonderlich, die im nahen Wald gefundene Leiche sorgt sogar für eine Einstufung als Mordverdächtiger, wodurch sich der empörte Onoff endgültig wie im falschen Film fühlt.

Wirkt der Schriftsteller zunächst noch wie ein Opfer polizeilicher Formalitäten, ändert sich dieser Eindruck schnell: Nicht nur reagiert Onoff in seinem Zorn unangemessen und verspielt damit Sympathie, mental scheint der Mann auch nicht ganz auf der Höhe zu sein. Spätestens, als er einige Blutflecken auf seiner Kleidung entfernt, ist klar: Hier liegt einiges im Argen.

Als Onoffs Gegenspieler agiert ein abgeklärter Inspektor, und wie es der Zufall will, entpuppt dieser sich auch noch als größter Fan des Autors – ganze Seiten kann er aus dem Kopf zitieren. Doch als sich der berühmte Häftling in Widersprüche verstrickt, beginnt der Inspektor mit sturer Beharrlichkeit Druck aufzubauen. Dem Drehbuch von Tornatore gelingt es hervorragend, dem Publikum beide Protagonisten als ambivalente Identifikationsfiguren anzubieten und sie abwechselnd positiv und negativ darzustellen, sodass die Sympathien ständig wechseln und ihr Katz- und Mausspiel stetig neue Spannung generiert.

Da Eine reine Formalität beinahe ausschließlich in einem einzigen Raum spielt und die Protagonisten ihren Zweikampf vornehmlich verbal austragen, kommt den Dialogen eine zentrale Rolle zu. Als Herzstück des Drehbuchs sorgen sie in diversen Varianten für Spannung: Schroffe Fragen, heftige Wortgefechte, eisiges Schweigen, leiser Humor und sarkastische Entgegnungen vermitteln die wechselnden Stimmungen zwischen den beiden Protagonisten und bringen Dynamik in den Film. Zudem versteht es Tornatore vortrefflich, die vielen fragmentarischen Informationen so anzuordnen, dass wir Zuschauer unsere Annahmen zur Schuld oder Unschuld Onoffs immer wieder zu hinterfragen haben.

Doch so groß die Qualität des Drehbuchs auch ist, die Konfrontation der beiden Männer profitiert auch enorm von den tollen Leistungen der Darsteller. Gérard Depardieu brilliert als Onoff mit ungeheurer Präsenz und findet den perfekten Grad zwischen Hochmut und Verletzlichkeit. In der Rolle als Inspektor überzeugt der Regisseur Roman Polanski mit einem seiner wenigen Ausflüge ins Schauspielfach, seiner zweiten Hauptrolle nach dem eigenen Werk Der Mieter. Da Regie und Drehbuch von Giuseppe Tornatore stammen und der legendären Ennio Morricone die subtile musikalische Untermalung beisteuerte, bleibt es ein Rätsel, warum Eine reine Formalität trotz seiner namhaften Beteiligten nie die ihm angemessene Popularität eines großen Klassikers erreichte.

Als einziger Makel von Tornatores Werk erweist sich das gediegene Tempo, das insbesondere in der zweiten Filmhälfte eine Straffung vertragen hätte; angesichts der ausgefeilten Dialoge und der sinisteren Atmosphäre dieses Vexierspiels fällt die zurückhaltende Inszenierung jedoch nicht merklich ins Gewicht. Einen deutlich stärkeren Eindruck hinterlässt das grandiose Finale mit seiner unerwarteten Aufklärung, die Lust auf eine Zweitsichtung macht. Eine reine Formalität ist eine Zierde in der Filmografie aller Beteiligten und ein echter Geheimtipp.

Handlung:

Es ist eine reine Formalität, dass der Mann auf das heruntergekommende Polizeirevier mitten in der Provinz gebracht wird: er kann sich nicht ausweisen. Dem Inspektor offenbart der Unbekannte dann, dass er der weltberühmte Autor Onoff sei – überraschenderweise ist der Inspektor dessen größter Fan, weiß alles über sein Idol. Doch der angebliche Onoff scheint etwas zu verbergen, erkennt Zitate eigener Texte nicht und wirkt mental am Ende. Während es draußen in Strömen regnet, verhört der Inspektor sein Idol die ganze Nacht hindurch, denn es gibt im Wald eine Leiche und der mit Erinnerungslücken kämpfende Schriftsteller ist der Hauptverdächtige.

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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