Der ungewöhnliche Kriminalfilm Eine reine Formalität ist als kafkaeskes Kammerspiel angelegt und zieht mit einer mysteriösen Geschichte in seinen Bann. Das raffinierte Drehbuch zieht seine Spannung einzig aus den kunstvollen Dialogkaskaden eines nächtlichen Verhörs und profitiert dabei von der Präsenz der beiden Hauptdarsteller Gérard Depardieu und Roman Polanski.

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Filmkritik:

„Das ist wie in einem B-Movie!“, schreit der verärgerte Mann, den die Polizei mitten in einer regnerischen Nacht ohne Ausweis aufgegriffen und auf das Revier gebracht hat. Er hat Recht, denn die ländliche Dienststelle hat ihre besten Tage schon lange hinter sich: Modrige Aktenberge stapeln sich meterhoch, ständig fällt die Elektrizität aus und zahlreiche Eimer stehen bereit, um das aus der löchrigen Decke tropfende Regenwasser aufzufangen.

Das donnernde Unwetter und die abgewrackte Polizeistation böten als kafkaeske Szenerie ein fast schon amüsantes Bild, wäre die Lage nicht so ernst. Nicht nur erweist sich der Festgenommene als der berühmte französische Romancier Onoff und schätzt als solcher die saloppe Art des Hauses nicht sonderlich, die im nahen Wald gefundene Leiche sorgt sogar für eine Einstufung als Mordverdächtiger, wodurch sich der empörte Onoff endgültig wie im falschen Film fühlt.

Wirkt der Schriftsteller zunächst noch wie ein Opfer polizeilicher Formalitäten, ändert sich dieser Eindruck schnell: Nicht nur reagiert Onoff in seinem Zorn unangemessen und verspielt damit Sympathie, mental scheint der Mann auch nicht ganz auf der Höhe zu sein. Spätestens, als er einige Blutflecken auf seiner Kleidung entfernt, ist klar: Hier liegt einiges im Argen.

Als Onoffs Gegenspieler agiert ein abgeklärter Inspektor, und wie es der Zufall will, entpuppt dieser sich auch noch als größter Fan des Autors – ganze Seiten kann er aus dem Kopf zitieren. Doch als sich der berühmte Häftling in Widersprüche verstrickt, beginnt der Inspektor mit sturer Beharrlichkeit Druck aufzubauen.

Da Eine reine Formalität beinahe ausschließlich in einem einzigen Raum spielt und die Protagonisten ihren Zweikampf vornehmlich verbal austragen, kommt den Dialogen eine zentrale Rolle zu. Als Herzstück des Drehbuchs sorgen sie in diversen Varianten für Spannung: Schroffe Fragen, heftige Wortgefechte, eisiges Schweigen, leiser Humor und sarkastische Entgegnungen vermitteln die wechselnden Stimmungen zwischen den beiden Protagonisten und bringen Dynamik in den Film.

Tornatore versteht es vortrefflich, die vielen fragmentarischen Informationen so anzuordnen, dass wir Zuschauer unsere Annahmen zur Schuld oder Unschuld Onoffs immer wieder zu hinterfragen haben. In diesem Katz- und Mausspiel schwanken unsere Sympathien fortwährend zwischen dem Inspektor und dem Verdächtigen hin und her.

Das ist nicht nur ein Verdienst des cleveren Drehbuchs, die Konfrontation der beiden Männer profitiert auch von den tollen Leistungen der Darsteller. Gérard Depardieu brilliert als Onoff mit ungeheurer Präsenz und findet den perfekten Grad zwischen Hochmut und Verletzlichkeit. In der Rolle als Inspektor überzeugt der Regisseur Roman Polanski mit einem seiner wenigen Ausflüge ins Schauspielfach (neben Der Mieter und Tanz der Vampire).

Den Könnern vor der Kamera stehen große Namen dahinter gegenüber: Der legendäre Ennio Morricone sorgt für die subtile musikalische Untermalung, Giuseppe Tornatore (Cinema Paradiso) schrieb das Drehbuch und führte Regie. Dass Eine reine Formalität trotz der namhaften Beteiligten nie den Status eines großen Klassikers erreichte, lässt sich nur auf die weltweit mangelhafte Veröffentlichungslage zurückführen.

Als Kritikpunkt lässt sich auch das gediegene Tempo anbringen; insbesondere die zweite Filmhälfte schwelgt (zu) lange in den ausgefeilten Dialogen und verlässt ganz darauf, dass die sinistre Stimmung die Spannung hochhält. Das funktioniert über weite Strecken, da die Auflösung der Geschichte nie absehbar ist.

Erst im wunderbaren Finale hat das Rätselraten ein Ende. Die unerwartete Aufklärung offenbart eine verblüffende Filmidee und macht Lust auf eine Zweitsichtung – im Gegensatz zu vielen anderen Krimis gewinnt Eine reine Formalität mit dem Wissen um die Lösung eher hinzu und lädt dazu ein, den verstreuten Hinweise erneut nachzuspüren.

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Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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