Paris gehört uns ist der Großvater des postmodernen Kinos. Je nach Blickwinkel könnte die Handlung von einer gigantischen Verschwörung handeln oder vom banalen Alltag einiger Studenten. Jacques Rivette entwirft seinen ersten Langfilm als Vexierspiel ohne Auflösung und erzeugt eine spezielle Anziehungskraft.

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Filmkritik:

Paris gehört uns beginnt wie ein Coming of Age-Film: Die Protagonistin Anne zieht für ihr Studium nach Paris, ihr Bruder Pierre führt sie in das Großstadtleben und seine Clique ein.

Jacques Rivette verwendet einen Großteil der 140-minütigen Spielzeit darauf, die Studentin durch ihren Alltag zu begleiten. Der Verzicht auf eine konventionelle Dramaturgie gefällt anfangs noch, im weiteren Verlauf mutet der Film jedoch zunehmend redundant an – Rivette zeigt Szene um Szene, erzählt aber nichts.

Die interne Fokalisierung verstärkt diesen Eindruck. Wir erleben die Welt ausschließlich aus Annes Sicht, zwangsläufig entstehen deshalb erzählerische Lücken. Das fällt besonders im Umgang mit der Clique ihres Bruders auf: Alle sind auf oberflächliche Weise nett zu Anne, doch sie bleibt eine Außenstehende. Dabei entsteht der Eindruck, die Studenten würden etwas vor ihr verbergen. Es scheint Dinge zu geben, über die nur gesprochen wird, wenn Anne nicht dabei ist.

Immer mal wieder blitzt ein Konflikt innerhalb der Gruppe auf. Im Zentrum dieser Dissonanzen steht der Selbstmord des Musikers Juan. Das Thema ist verpönt und erhält in Form einer verschollenen Schallplatte mit Juans letzter Komposition eine mysteriöse Komponente. Wer die Platte erwähnt, erntet strafende Blicke. Das weckt Annes Neugierde und führt zu einer heimlichen Spurensuche.

Weit kommt die unbedarfte Amateurdetektivin jedoch nicht, sie prallt an der Mauer des Schweigens ab. Doch haben wir Zuschauer nicht genug Filme gesehen, um uns das Geschehen zusammenzureimen? Vieles deutet darauf hin, dass Juan ermordet wurde. Besonders verdächtig erscheint seine kaltherzige Ex-Freundin Terry, deren Auftreten an eine Femme fatale aus dem Film Noir erinnert.

Dann reißt uns Rivette endgültig den Boden unter den Füßen weg. Der Film deutet an, dass Terry das Werkzeug einer Verschwörung sein könnte, die weit über den Freundeskreis hinaus geht und nationale Ausmaße besitzt. Als die Indizien darauf hinweisen, dass Annes Schwarm Gérard das nächste Opfer wird, fühlt sich Anne immer hilfloser.

Das mag nach großem Spannungskino klingen, doch Rivette erzählt das Geschehen über zweieinhalb Stunden als sprödes Alltagsporträt. Selbst als sich Mysterien und Paranoia in die Handlung mischen, behält der Regisseur seinen unaufgeregten, realistischen Stil bei.

Das bewirkt einen seltsamen Effekt: Die Grammatik des Films verhindert jegliche Orientierung. Wie Anne können auch wir nicht mehr zwischen Normalität und drohender Gefahr unterscheiden – beides fühlt sich gleich banal an.

Gerade in unserer heutigen, gerne als postfaktisch verschrieenen Zeit bietet Paris gehört uns viele spannende Ansätze. Rivette schildert das moderne Leben als abstraktes Zeichensystem und urbanen Raum als Prisma für Desinformation. Anne Sinnsuche entpuppt sich als Niedergang: Sie bricht ihr Studium ab und verliert sich zwischen Geschichten, Behauptungen und Andeutungen.

Unter den vielen Abschweifungen stechen die Szenen heraus, in denen Anne sich an der Produktion eines Low-Budget-Theaterstücks beteiligt. Aufgrund zahlreicher Rückschläge wirken die Umsetzungsversuche des Regisseurs Gérard aussichtslos. Darin spiegelt sich auch der Werdegang von Rivettes Spielfilmdebüt wider.

Der junge Regisseur drehte Paris gehört uns bereits 1958. Wäre der Film pünktlich erschienen, würde er heute als Startpunkt der aufkommenden Nouvelle Vague gelten. Akuter Geldmangel für die Postproduktion und die Suche nach einem Verleih verzögerten die Veröffentlichung jedoch um zwei Jahre. In der Zwischenzeit legten Alain Resnais, Jean-Luc Godard und François Truffaut ihre Debütfilme vor und strichen die Lorbeeren für die neue Strömung ein.

Immerhin halfen die beiden Letztgenannten Rivette durch eine Finanzspritze bei der Fertigstellung seines Werkes. Da Paris gehört uns seine visionäre Idee nicht so modern präsentierte wie die anderen Vertreter der Nouvelle Vague, konnte sich der Film bis heute keine große Bekanntheit sichern.

Rivettes narratives Labyrinth erinnert nicht nur an die verschlungenen Romane von Thomas Pynchon und David Foster Wallace, Paris gehört uns ist der Großvater des postmodernen Kinos. Der Film nahm ähnlich gelagerte Werke um Jahrzehnte vorweg: Erst in den Neunziger Jahren erlangte das postmoderne Kino durch Vertreter wie Lost Highway, The Big Lebowski oder Dead Man eine gesteigerte Popularität.

Paris gehört uns fühlt sich zunächst unbefriedigend an, weil er uns jeglichen Erkenntnisgewinn verweigert. Das erzeugt allerdings auch eine widerspenstige Faszination. Weil der Film auf plötzliche Twists und ähnliche Taschenspielertricks verzichtet, büßt Rivettes Werk auch bei der hundertsten Betrachtung nicht an Magie ein.

Nicht das Drehbuch, sondern die Imaginationskraft des Zuschauers bildet das Fundament der Erzählung. Aufgrund von Rivettes eigenwilliger Inszenierung ist Paris gehört uns ein zeitloser Klassiker – und ein ewiges Rätsel.

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Die Nouvelle Vague wischte die altmodischen „Filme der Väter“ beiseite und entwickelte das moderne Kino. Erstmals beschäftigten sich Filme selbstreferenziell mit sich selbst, anstatt lediglich Geschichten mit Bildern zu erzählen. Mit der Generalüberholung von Inszenierung, Schnitt und Erzählweise legte die Nouvelle Vague die Grundlagen unserer heutigen postmodernen Filme, Musikvideos und Werbespots.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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