Mit Lost Highway ging der ohnehin nicht besonders an Genregrenzen interessierte Autorenfilmer David Lynch noch einen Schritt weiter als zuvor: Wo er in Blue Velvet das Grauen noch schubweise hinter einer Bilderbuch-Vorstadtwelt hervorkriechen ließ und diese Grenzerfahrung linear schilderte, verabschiedet sich Lost Highway in surreale Gefilde, die ihre Schrecken schon lange nicht mehr maskieren können.

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Filmkritik:

Im ersten Drittel entwirft Lynch ein Ehedrama noiresker Prägung: Der Saxophonist Fred Madison (famos: Bill Pullman) vermutet, dass seine Frau eine Affäre hat; ihre Ehe ist erkaltet, er selbst impotent. Wie der Regisseur diese Spannungssituation visuell formuliert, zählt zu den Highlights seiner Karriere.

Die beiden Eheleute wirken wie eingesperrt in ihrer Bauhaus-Villa mit den schießschartenartigen Fenstern und der minimalistischen Einrichtung, die ihre Bewohner inmitten der Räume verloren wirken lässt. Die Lichtquellen scheinen die falschen Ecken zu beleuchten, die Audiospur wummert unheilvoll und die einsilbigen Dialoge wirken wie aus einem schlechten Theaterstück. Immer wieder verschluckt die unbeleuchtete Finsternis der Hausflure die beiden Eheleute und es erscheint fast schon seltsam, dass sie trotzdem wieder auftauchen.

Dann kommt es zum Mord und zur Todeszelle für Fred – doch am nächsten Morgen sitzt dieser nicht mehr in der Zelle, sondern der Automechaniker Pete. Der junge Mann kann sich nicht erinnern, wie er an diesen Ort gekommen ist, die Behörden müssen ihn aufgrund seiner offensichtlichen Unschuld freilassen. Wenig später beginnt Pete eine leidenschaftliche Affäre mit einer Frau, die mit dem psychopathischen Gangsterboss „Mr. Eddy“ liiert ist. Auch dieser Plot erinnert an den Film Noir, wenn die Blondine ihn auffordert, Geld zu rauben und mit ihm durchzubrennen.

Obwohl die postmoderne Übersteigerung dieser aufs Allerwesentlichste heruntergebrochenen Film Noir-Motive dank der furiosen Inszenierung gut funktioniert und für viel Spannung sorgt, ist der Clou des Films ein anderer: Das Vexierspiel gleicht zwei Puzzles mit jeweils eigenen Albtraummotiven, die trotz nicht zusammenpassender Teile zu einem einzigen Werk zusammengesteckt werden.

Lynchs Werk strotzt nur so vor Dopplungen in der Figurenanlage und den Dialogen, in der Filmsprache und der damit verbundenen Metaphorik – geschickt verknüpft Lost Highway seine beiden Handlungspfade wie ein Möbiusband, das weder Anfang noch Ende, kein oben oder unten hat. Dementsprechend erhält der Zuschauer keine Möglichkeit, seine aktuelle Position auf dieser in sich verdrehten Straße zu bestimmen; die Sicherheit linearer und kohärenter Narration löst sich auf und übrig bleibt das pure Erleben. Lynch zwingt uns auf unnachahmliche Weise, sich vom Film gefangen nehmen zu lassen.

Diese Konsequenz eröffnet auch eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten. Mir persönlich gefällt Lost Highway als Faust-Variante am besten: Mit einem so verzweifelten wie ekstatischem Saxophonsolo ruft Fred unbewusst den Teufel herbei, der sich mehrmals im Film als Mystery Man manifestiert, zwischen den beiden Handlungen wandelt und sie entscheidend beeinflusst.

Dank dieser höllischen Hilfe „befreit“ sich Fred aus den Fängen seiner dysfunktionalen Ehe und lebt eine Alternative – als potenter junger Mann erhält er die Möglichkeit, sein nun blondes, immer noch von der großartigen Patricia Arquette gespieltes Ehefrau-Double aufs Neue zu erobern. Doch ein Pakt mit dem Teufel besitzt immer einen Haken, den Lynch mit diabolischer Ironie ausspielt.

Lost Highway zeigt Lynch auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und entwirft einen Albtraum, der auch noch lange nach dem Erwachen nicht aus dem Kopf geht.

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DER REGISSEUR

Die Filme von David Lynch sind einzigartig. Der amerikanische Regisseur entwirft (Alb)Traumwelten, die sich oft hinter der Fassade der Normalität verstecken. Dabei scheut Lynch nicht davor zurück, uns durch surreale Szenen herauszufordern. Im Gegenteil: Die Magie von Lynchs Werken entwickelt sich gerade aus der Tatsache, dass er sich Erklärungen verweigert. Seine Filme zielen direkt auf unser Unterbewusstsein ab.

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Die Filme von David Lynch sind einzigartig. Der amerikanische Regisseur entwirft (Alb)Traumwelten, die sich oft hinter der Fassade der Normalität verstecken. Dabei scheut Lynch nicht davor zurück, uns durch surreale Szenen herauszufordern. Im Gegenteil: Die Magie von Lynchs Werken entwickelt sich gerade aus der Tatsache, dass er sich Erklärungen verweigert. Seine Filme zielen direkt auf unser Unterbewusstsein ab.

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Das Horrorgenre gibt uns die Möglichkeit, Schreckensszenarien durchzuspielen und damit Stress aus unserem Unterbewusstsein abzuleiten. Der Horrorfilm bedroht immer die Normalität – sei es durch Geister, Monster oder Serienkiller. In der Regel bestrafen die Antagonisten die Verfehlungen von Sündern, inzwischen verarbeiten postmoderne Horrorfilme diese Motive jedoch auch ironisch und verbreitern damit die ursprünglichen Sujets des Genres.

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ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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