Außer Atem

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Filmkritik:

Direkt mit seinem ersten Film Außer Atem revolutionierte Jean-Luc Godard das Kino und setzte den Impuls für eine ganze Flut von kreativen französischen Filmen, die später als Nouvelle Vague zusammengefasst werden würde.

Bereits 1959, ein Jahr bevor Außer Atem erschien, drehten Francois Truffaut mit Sie küssten und sie schlugen ihn und Alain Resnais mit Hiroshima, mon amour die ersten Werke, die sich der Nouvelle Vague zuordnen lassen, doch erst Godards Klassiker vitalisierte die Strömung und trat mit seiner unbändigen Energie und Coolness etwas los, das sich noch jahrelang halten würde.

Bemerkenswerterweise wirkt Godards Werk auch sechzig Jahre nach seiner Veröffentlichung kein bisschen angestaubt, sondern begeistert mit Verve und einer Coolness, die überhaupt nicht aufgesetzt, sondern völlig natürlich erscheint.

Als Godard das Kino nach einem Jahrzehnt als Filmjournalist auch als Regisseur auf den Kopf stellte, war dies zu einem Teil den Umständen geschuldet – die Laufzeit der ersten Schnittfassung betrug rund zweieinhalb Stunden, der Produzent forderte eine Kürzung auf neunzig Minuten. Godard lehnte es ab, sich von ganzen Szenen zu trennen und schnitt zusammen mit seinen beiden Cuttern einfach innerhalb der Szenen alles Unwesentliche weg – Jump Cuts wurden hier nicht geboren, doch noch nie derart offensiv eingesetzt.

Dies widersprach den Regeln der „unsichtbaren“ Regie des amerikanischen Kinos, wo die Story über der Inszenierung steht, doch Godard verkehrte dieses Prinzip schlichtweg ins Gegenteil und drehte Außer Atem ganz offensiv als selbstreferenziellen Film, der das Publikum ständig darauf hinweist, dass alles nur eine Illusion ist.

Dabei beeindruckt nicht nur Godards Selbstbewusstsein, sondern auch seine Fähigkeiten. Außer Atem besteht nicht nur aus Gimmicks, wie den Jump Cuts oder einer kleinen Diskussion, die Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo direkt mit dem Publikum starten will, sondern gefällt auch mit den vielen clever eingesetzten Achsensprüngen der Kamera und teils minutenlangen Szenen. Auch die ausschließlich an Originalschauplätzen gedrehten Handkamerabilder von Raoul Coutard, fast ohne künstliche Beleuchtung gefilmt, sind ganz toll. Meine Lieblingsszene: Nach zwei Dritteln des Films kommt die ohnehin rudimentäre Handlung nicht so recht vom Fleck – da spielt Godard einfach Gott und baut sich selbst als Passant in eine Straßenszene ein, „erkennt“ den von der Polizei gesuchten Protagonisten und informiert zwei in der Nähe patrouillierende Beamte – der Start des finalen Abschnitts von Außer Atem und ein schönes Bonmot zum Thema „unsichtbare“ Regie, der Godard hier so gar nicht entsprechen will.

Godards inszenatorische Freiheit fußt derweil auf zwei Säulen. Einerseits überzeugt Truffauts Drehbuch mit wunderbaren Dialogen („Was ist Ihr Lebensziel?“ „Unsterblich werden. Und dann sterben.“), andererseits gewinnt das Hauptdarstellerduo die Sympathie des Publikums. Jean-Paul Belmondo als ewig blanker Möchtegerngangster und die bezaubernde Jean Seberg zählen zu den interessantesten Leinwandpärchen der Leinwandgeschichte, weil beiden etwas Mysteriöses anhaftet. Wir Zuschauer wissen nie, was sie als nächstes tun werden.

Außer Atem ist auch ein Zeitgeistfilm, der von seinem Flair lebt und von seinem Popkultur-Charme. Sicherlich übt der Film heute eine weniger starke Wirkung auf uns längst von modernen Medienerzeugnissen konditionierte Zuschauer aus, doch Godards famose Inszenierung, die hier im Gegensatz zu späteren Werken nicht nur Selbstzweck, sondern tatsächlich ein Bestandteil von Narration und Handlung ist, begeistert auch heute noch und erweist sich als zeitlos. Außer Atem zählt zu den essenziellsten Filmen der Kinogeschichte.

Handlung:

Der Bonvivant Michel Poiccard ist ein Gauner, ein Rebell und ein Draufgänger auf der Jagd nach seinem Vergnügen. In einer gestohlenen Luxuslimousine ist er auf dem Weg nach Paris, doch er gerät in eine Geschwindigkeitskontrolle. Ein Polizist stellt ihn – und wird von Michel kaltblütig erschossen. Auf der Flucht vor dem Gesetz taucht er bei der Amerikanerin Patricia, einer Zeitungsverkäuferin, die Journalistin werden will, unter.

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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2017-07-26T18:58:17+00:00

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