Filmkritik:

Mit seinem zweiten Film Schießen Sie auf den Pianisten ging François Truffaut ein Risiko ein und vollzog einen Stilwechsel. Nach dem der Regisseur mit dem tristen autobiografischen Drama Sie küssten und sie schlugen ihn der Durchbruch gelang, widmete er sich einem deutlich leichteren Stoff. Truffaut drehte Schießen Sie auf den Pianisten als Huldigung seiner amerikanischen Vorbilder. Seine zweite Arbeit erinnert an die Film Noirs der Vierziger Jahre, der Autorenfilmer inszenierte den Stoff jedoch als Tragikomödie.

Die Geschichte basiert lose auf dem Kriminalroman Down There von David Goodis und handelt von einem virtuosen Klavierspieler, der sich aufgrund seiner tragischen Vergangenheit von öffentlichen Auftritten zurückgezogen hat und unter Pseudonym in einer Kneipe spielt. Dort verliebt er sich in eine Kellnerin und muss sich zugleich zweier Gangster erwehren, die ihn wegen seines kriminellen Bruders unter Druck setzen.

Truffaut quetscht diese drei Motive – die tragische Vergangenheit, den Konflikt mit den Gangstern sowie die Romanze – in nur 81 Minuten Spielzeit. Damit ist von Anfang an klar, dass Schießen Sie auf den Pianisten sich nicht mit Figurenpsychologie oder Kohärenz aufhält, sondern seine Bestandteile fröhlich durcheinanderwirft. Damit nahm Truffaut das Vorgehen von Quentin Tarantino vorweg: Der Regisseur nutzt die Versatzstücke anderer Werke als Folie für einen Film, der letztlich nur aus Meta-Ebenen besteht.

Besonders in der Anlage des Pianospielers Charles tritt der Einfluss des Film Noir zutage. Obwohl sich der schüchterne Protagonist mit Hang zur Melancholie aus jeder sozialen oder gesellschaftlichen Interaktion heraushält – er tut scheinbar nichts anderes, als Musik in einer schäbigen Bar zu spielen und abends mit einer Prostituierten zu schlafen –, macht ihn das Schicksal zur Zielscheibe. Das allein wäre ironisch, wandelt sich jedoch ins Tragische, weil Charles regelrecht verflucht erscheint – Frauen, die er liebt, müssen unweigerlich sterben.

Deutlich humorvoller geht es bei den Antagonisten des Films zu. Die beiden Gangster erweisen sich als comichafte Witzfiguren, die selbst während Entführungen und Einschüchterungsversuchen Small Talk betreiben. Miteinander und ihren Opfern debattieren sie über die Eigenheiten von Frauen oder die Erziehung von Kindern.

So recht zusammen gehen diese beiden Pole des Films allerdings nicht, was Schießen Sie auf den Pianisten einen seltsamen Tonfall verleiht. Truffaut bekommt die leichtfüßige Komik nicht mit den tragischen Themen unter einen Hut, sondern wechselt willkürlich hin und her. Das führt spätestens im Finale zu einem Konflikt – einerseits wird es hier dramatisch, andererseits können wir das Geschehen nicht mehr ernst nehmen. Die fehlende emotionale Bindung an die Figuren war sicherlich ein Grund dafür, dass Truffauts zweites Werk an den Kinokassen floppte.

Bedauerlich ist der unentschlossene Tonfall, weil Schießen Sie auf den Pianisten aufgrund seines Tempos einen hohen Unterhaltungswert besitzt. Neben der flotten Inszenierung besticht auch der wunderbar lakonische Charles Aznavour in der Hauptrolle. Sein nuanciertes Spiel wirkt in einer Komödie schon beinahe verschwendet, wertet sie jedoch erheblich auf. In Erinnerung bleiben auch die spielerischen Verweise auf die eigene Filmhaftigkeit: So zieht Aznavours Figur einer Bettgefährtin die Decke über die blanken Brüste, „weil man so etwas im Film nicht zeigt“ – typisch Nouvelle Vague.

Handlung:

Einst war Edouard Saroyan ein berühmter Konzertpianist. Jetzt spielt er Abend für Abend Klavier in einer schäbigen Pariser Bar und nennt sich Charlie Kohler, um mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Aber da wären seine drei Brüder, die ständig in kriminelle Geschäfte verwickelt sind, und die Kellnerin Léna, in die sich Charlie verliebt …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.