Sieben Tage in Mai zählt zum Frühwerk von John Frankenheimer, der binnen vier Jahren drei Paranoia-Thriller drehte. Zwischen dem übertriebenen Botschafter der Angst und dem kafkaesken Der Mann, der zweimal lebte ist Sieben Tage in Mai das bodenständigste Werk dieser losen Trilogie.

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Filmkritik:

Sieben Tage in Mai setzt auf ein simples Szenario: Der von Kirk Douglas gespielte Colonel Casey stößt innerhalb eines Tages auf mehrere administrative Unregelmäßigkeiten. Mit etwas Fantasie ließe sich daraus eine Verschwörung des Militärs gegen den US-Präsidenten ableiten. Wenn Caseys Annahme stimmt, bleiben ihm nur 7 Tage, um den Putsch zu verhindern. Oder ist alles nur ein Hirngespinst?

Zusammen mit Sidney Lumet zählt John Frankenheimer zur ersten Generation von Regisseuren, die sich ihre Sporen beim Fernsehen verdienten und dann zum Kino wechselten. Die Vorerfahrung mit beschränkten Produktionsmitteln wirkt sich positiv aus: Frankenheimer erzählt hochgradig ökonomisch und erzielt trotzdem ein Höchstmaß an Spannung.

Dadurch erscheint der unaufgeregte Thriller im besten Sinne altmodisch. Sieben Tage in Mai verzichtet auf Effekthascherei und Schauwerte. Stattdessen ähnelt er einem Theaterstück und stellt einige wenige Figuren ins Zentrum einer Erzählung, die ausschließlich über Dialoge vorangetrieben wird.

Das exzellente Drehbuch erzeugt sein Suspense über die unbekannten Variablen innerhalb des Plots. Sieben Tage in Mai gelingt es vortrefflich, ein Gefühl für die verborgenen Ränkespiele zu vermitteln. Viele Akteure arbeiten an der Verschiebung von stets diffus bleibenden Kräfteverhältnissen. Wir sehen nur ausschnittsweise, wie die bestehende Ordnung erodiert – die Spannung resultiert aus dem Bewusstsein, dass sie jederzeit vor unseren Augen zusammenfallen kann.

Da Sieben Tage in Mai vornehmlich in schmucklosen Innenräumen spielt, kann der Film einen spartanischen Eindruck nicht negieren. Einen dynamischen Anstrich erhält das Geschehen aber durch die Musik von Jerry Goldsmith und dank der starken Besetzung. Aufgrund der realistischen Ausrichtung gibt es nur wenige Szenen, in denen die Schauspieler groß aufspielen können; doch schon ihr Charisma belebt den Film ungemein.

In besonderer Erinnerung bleibt Burt Lancaster als vermeintlicher Rädelsführer der Putschisten. Lancaster spielt nicht ganz so diabolisch wie in Dein Schicksal in meiner Hand, strahlt aber eine ungeheure Autorität aus. Dagegen wirkt Kirk Douglas aufgrund seiner schlichten Figur vergleichsweise zahm. Die illustre Riege der Nebendarsteller (Frederic March, Ava Gardner, Martin Balsam, Edmond O’Brien) überzeugt ohne Ausnahme.

Für einen Thriller verfügt Sieben Tage in Mai über ein gemächliches Tempo, doch die Spannungskurve verläuft konstant aufwärts – das Drehbuch führt seine Geschichte durch diverse Steigerungen geradlinig auf eine Eskalation zu. Nur das Finale kann mit seinem Understatement nicht ganz mithalten, fällt zu schlicht und versöhnlich aus. Hier entscheidet sich der Film für klassisches Hollywoodkino, wo andere Paranoia-Thriller auf warnenden Pessimismus setzen.

Obwohl Sieben Tage in Mai glänzende Unterhaltung bietet, genießt Frankenheimers Klassiker keine große Bekanntheit. Schon mit seiner Veröffentlichung hatte der Film Pech – er erschien drei Wochen nach Stanley Kubricks furioser Kalter-Krieg-Farce Dr. Seltsam und wirkte im Vergleich ziemlich altmodisch.

Inzwischen lässt sich dieser Eindruck revidieren. Das hohe erzählerische Niveau hat die vergangenen Jahrzehnte unbeschadet überstanden – Sieben Tage in Mai wirkt nicht mehr altmodisch, sondern klassisch.

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Die Sechziger Jahre zählen zu den revolutionärsten Jahrzehnten der Kinogeschichte. Mehrere Strömungen – die neuen Wellen – verschoben künstlerische Grenzen und modernisierten die Filmsprache. Viele Regisseure ließen die Themen der vorherigen Generationen hinter sich und drehten freiere, gesellschaftskritischere Werke.

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DAS GENRE

Ähnlich wie der Actionfilm basiert auch das Thriller-Genre nicht auf inhaltlichen, sondern auf formalen Gesichtspunkten. Eine größtmögliche, im Optimalfall konstant gehaltene Spannung ist das Ziel. Dafür bedienen sich Thriller in der Regel einer konkreten Bedrohungslage. Wird die Gefahr überwiegend über Andeutungen und Suspense transportiert, findet gerne der Terminus Psychothriller Anwendung.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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