Mit Blutige Seide etablierte der Filmemacher Mario Bava eine neue Spielart des Genrefilms: den Giallo. Bava kombiniert die prägenden Elemente von Whodunnit-Krimi, Psychothriller und Horrorfilm und taucht das Geschehen in bemerkenswert expressive Bilder.

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Filmkritik:

Schon der Vorspann sorgt für Stimmung. Anstatt die Namen der Darsteller lediglich einzublenden, zeigt der Film die jeweilige Figur und greift dabei auf eine farbenprächtige Beleuchtung zurück. Der Großteil der Protagonisten arbeitet in einem extravaganten Modeatelier, das schon in den ersten Minuten zum Schauplatz eines Mordes wird.

Blutige Seide nutzt die anschließende Befragung durch die Polizei, um uns die Figuren vorzustellen und die Frage in den Raum zu werfen, wer sich hinter Maske und Trenchcoat des Mörders verbirgt.

Mario Bava startete seine Karriere als Kameramann und schwang sich anschließend zum erfolgreichen Regisseur von Horrorfilmen auf. 1963 drehte er dann den Ur-Giallo The Girl Who Knew Too Much: Der Schwarz-Weiß-Film orientierte sich noch an den Kriminalfilmen im Stil der Edgar Wallace-Reihe, bereitete aber auch den Boden für die nachfolgenden Werke.

Ein Jahr später realisierte Bava dann den ersten reinrassigen Giallo: Blutige Seide besitzt alle typischen Merkmale der Strömung. Er nutzt einen mysteriösen Plot, der am Ende durch einen Twist aufgelöst wird und kombiniert diese Krimi-Motive mit einem Mörder, der wie im Horrorfilm um seine Opfer schleicht und ihrem Leben ein brutales Ende setzt.

Schon in diesem frühen Giallo greift der Killer auf schwarze Lederhandschuhe und – für einen der Morde – auf ein Rasiermesser zurück. Dies sollte der Standard für nachfolgende Gialli werden. Selbiges gilt auch für die visuellen Stilmerkmale, mit denen sich Blutige Seide von konventionellen Thrillern abhebt. Die farbenprächtigen Dekors und die artifizielle Beleuchtung pfeifen auf Realismus und geben uns zu verstehen, wie unsicher diese filmische Parallelwelt ist.

Nicht nur mit seinen extrovertierten Bildern inspirierte Mario Bava nachfolgende Regisseure wie Dario Argento, auch die Herangehensweise an die Mordszenen veränderte die Konventionen. Anstatt sich (wie im Krimi-Genre) auf die Ermittlungsarbeit der Polizei zu konzentrieren, rückt Blutige Seide das Dahinscheiden der Opfer in den Mittelpunkt.

Die Regelmäßigkeit dieser Szenen nahm den Modus Operandi von Slasher-Filmen wie Halloween um Jahre vorweg und setzte den Standard für zukünftige Gialli. Bemerkenswert ist auch die Direktheit der Gewaltdarstellung sowie der dem Giallo immanente sexuelle Subtext. Die Opfer werden im Todeskampf entblößt oder sind von vorneherein leicht bekleidet; die Waffen des Täters besitzen phallische Formen.

Über weite Strecken der Spielzeit fesselt Blutige Seide durch seine bedrohliche Stimmung, der Schluss hinterlässt jedoch einen zwiespältigen Eindruck. Der Twist vermag zu überraschen, er kommt allerdings bereits 20 Minuten vor dem Filmende. Das Finale findet zwar einen guten Abschluss (und ein großartiges Schlussbild), verzeichnet aber auch einen Spannungsabfall.

Ein lohnenswertes Filmerlebnis bietet der Film von Mario Bava in jedem Fall. Blutige Seide besitzt als erster Giallo nicht nur filmhistorischen Wert, sondern hat aufgrund seiner modernen Inszenierung und der tollen visuellen Gestaltung nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

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Die Sechziger Jahre zählen zu den revolutionärsten Jahrzehnten der Kinogeschichte. Mehrere Strömungen – die neuen Wellen – verschoben künstlerische Grenzen und modernisierten die Filmsprache. Viele Regisseure ließen die Themen der vorherigen Generationen hinter sich und drehten freiere, gesellschaftskritischere Werke.

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DIE STRÖMUNG

Der Begriff Giallo bezeichnet italienische Genrefilme, die zwischen Krimi, Thriller und Horrorfilm changieren und in den Sechzigern und Siebzigern populär waren. Durch wiederkehrende Motive – am bekanntesten ist ein nie vollständig sichtbarer Mörder mit schwarzen Lederhandschuhen und Rasiermesser – formte sich ein eigener kleiner Kosmos, der sich von herkömmlichen Genrefilmen unterscheidet.

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ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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