Departed zählt zwar zu den schwächeren Filmen in der glanzvollen Filmografie von Martin Scorsese, verschaffte dem Filmemacher jedoch eine lang erwartete Befriedigung: Satte 26 Jahre nach seiner ersten Nominierung für Wie ein wilder Stier erhielt Scorsese den begehrten Oscar für die beste Regie.

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Filmkritik:

Tatsächlich erscheint es ungerechtfertigt, dass der renommierte Regisseur mit Meisterwerken wie Taxi Driver, GoodFellas oder Casino leer ausging; dass Scorsese jedoch ausgerechnet für ein seelenloses Remake ausgezeichnet wurde, lässt sich nur mit dem schwachen 2007er Jahrgang und den Willen der Academy, nach Jahren der Missachtung ein Versöhnungsangebot zu unterbreiten, erklären.

Bedient haben sich Scorsese und sein Drehbuchautor William Monahan bei einem Kassenschlager aus Hongkong, dem 2002 erschienenen Thriller Infernal Affairs, aus dem sie sich nicht nur die grundlegende Konzeption entliehen, sondern schlichtweg den gesamten Film nachbuchstabierten. Den Handlungsort verlegte Monahan nach Boston, das von einem zugkräftigen Staraufgebot bevölkert wird: Leonardo DiCaprio und Matt Damon agieren in den Hauptrollen, Jack Nicholson, Martin Sheen, Alec Baldwin und Mark Wahlberg geben Rückendeckung.

Doch gerade die Stärken von Scorseses vorherigen Mafiafilmen – die Zeichnung von Milieu und Protagonisten – gehen Departed ab. Der zum Großteil im Studio gedrehte Film hangelt sich durch nichtssagende Kulissen und scheint sich nicht für das Wesen der Verbrecher zu interessieren.

Unvergessen bleibt die imposante Hochzeit, mit der Der Pate zu Beginn die Macht und die Größe der Familie Corleone beweist; auch Martin Scorsese etabliert die ausgedehnten Strukturen seiner Goodfellas durch eine epische Exposition. Von der Macht oder Größe der irischen Mafia Bostons vermittelt Departed hingegen gar nichts, die Organisation besteht aus weniger als zehn Personen und wirkt wie ein Kleingartenverein – eine Mini-Mafia, die beinahe ausschließlich aus tumben Idioten ohne Persönlichkeit besteht.

Zweieinhalb Stunden beträgt die Laufzeit von Scorseses Remake, das Infernal Affairs um beinahe 60 Minuten übertrifft, aber dennoch kaum über Figurenzeichnung verfügt – eine undankbare Aufgabe für die Schauspieler, die ihren formlosen Drehbuchgestalten Ecken und Kanten verleihen müssen. Während die erfahrenen Nebendarsteller sich auf ihre bloße Präsenz verlegen, gelingt es Matt Damon als materiell orientiertem Gangster in Polizeiuniform ausgezeichnet, hinter der glatten Fassade eine Persönlichkeit durchschimmern zu lassen. Sein Konterpart Leonardo DiCaprio spielt die für ihn typische Rolle des ideell Getriebenen zumindest recht ordentlich.

Die denkwürdigste Schauspielleistung des Films ist jedoch eine negative: Jack Nicholson liefert als Gangsterboss Costello eine Grimassenshow ab, die in jedem Lexikon als Symbolbild zum Begriff Overacting taugt. Nicholson zelebriert jeden noch so banalen Satz, changiert unabhängig vom Kontext einer Szene und lässt seinen Gangsterboss zur comichaften Witzfigur mutieren. Damit unterstreicht er nicht nur den ohnehin schon kläglichen Eindruck der Mafia dieses Films, sondern liefert letztlich eine traurige Parodie auf sich selbst ab – der einstmals begnadete Schauspieler als Clown.

Nicholsons Auftritt taugt als Symbol für einen Film, der einerseits nach Spannung strebt, andererseits aber viel zu ironisch angelegt ist. Die angestrebte Coolness des Films wirkt in jedem Moment angestrengt und die ständigen Schimpfwort-Dialoge verlaufen auf dem Niveau von Halbstarken, die auf dem Schulhof die Mutter ihres Gegenübers beleidigen. Dadurch verkommt der Zynismus von Departed zur ironischen Pose und drückt letztlich auch Verachtung für ein Publikum aus, das vom Film ernst genommen werden will.

Immerhin verläuft Scorseses Werk leidlich unterhaltsam und spielt die Stärken der spannenden Plotanlage aus. Insbesondere in der zweiten Filmhälfte, in der die beiden Spitzel einander immer dichter auf die Pelle rücken und das Drehbuch ihre Parallelen und Dopplungen in den Vordergrund rückt, unterhält Departed auf ordentlichem Niveau.

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DER REGISSEUR

Martin Scorsese gehört zu den vielen Regietalenten, die das aufblühende New Hollywood-Kino zutage förderte. Immer wieder beschäftigte sich der Regisseur mit Männern, die das Gesetz übertreten und an der Gesellschaft scheitern. Bald 50 Jahre lang blieb Scorsese seinem Sujet treu, schuf viele bedeutende Filme und zählt zu den größten Regisseuren der amerikanischen Kinogeschichte.

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Ähnlich wie der Actionfilm basiert auch das Thriller-Genre nicht auf inhaltlichen, sondern auch formalen Gesichtspunkten. Eine größtmögliche, im Optimalfall konstant gehaltene Spannung ist das Ziel. Dafür bedienen sich Thriller in der Regel einer konkreten Bedrohungslage. Wird die Gefahr überwiegend über Andeutungen und Suspense transportiert, findet gerne der Terminus Psychothriller Anwendung.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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