1995 erschien ein Meilenstein des Thrillergenres: Sieben beeindruckt durch seine ungewöhnliche thematische und inszenatorische Konsequenz und sorgte für die Initialzündung der Karriere von Ausnahmeregisseur David Fincher.

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Filmkritik:

Es war bereits die zweite Regiearbeit Finchers, der bei seinem verkorksten Debüt Alien³ mit den Produzenten zu kämpfen hatte und keinerlei künstlerische Kontrolle ausüben konnte.

Für Sieben erhielt Fincher hingegen Rückendeckung vom Studio und bewies prompt seine Meisterschaft. Selbst in schnöden Dialogsequenzen gelingt es dem Regisseur durch eine geschickte Perspektivwahl, uns Zuschauer zu vereinnahmen und intuitiv auf die Seite der Protagonisten zu ziehen.

Die markante, toll montierte Eröffnungsszene, die Fincher später durch Fight Club zu einem Markenzeichen erhob, nimmt bereits den düsteren Tonfall des Films vorweg; tatsächlich lässt Sieben nie locker und verbreitet durchweg eine ungemütliche Stimmung. Die durch den Bleach-Bypass-Effekt nachbearbeiteten Bilder tragen einen wesentlichen Anteil daran.

Im Gegensatz zu heute war es Mitte der Neunziger Jahre noch nicht üblich, Merkmale mehrerer Genres zu vereinen, doch Fincher jongliert sicher mit Versatzstücken. Die Ermittlungsarbeit der beiden von Morgan Freeman und Brad Pitt gespielten Detectives mag im Vordergrund stehen, dennoch strebt Sieben zu keinem Zeitpunkt an, ein konventioneller Kriminalfilm zu sein.

Obwohl die grausigen Mordtaten des Serienkillers ausgespart werden, regt der Film wie im Horrorgenre durch die blutigen Details der Tatorte unsere Fantasie an. Dem Thrillergenre huldigt Sieben hingegen durch eine mehrminütige Verfolgungsjagd, während sich die präsentesten Verweise auf den Film Noir beziehen.

Finchers Werk spielt in einer anonymen Großstadt, die sich ausschließlich durch Dreck und Abnutzung charakterisiert und beinahe schon lebensfeindlich wirkt. Der ständige Regen und die erdrückende Dunkelheit erinnern eher an den Moloch aus Blade Runner als an eine aktuelle Metropole. Die pessimistische Stimmung sorgt für ein omnipräsente Weltuntergangsgefühl und wird in Dialogen sogar direkt verhandelt.

Die Grundlagen der fatalistischen Atmosphäre legt das Drehbuch von Andrew Kevin Walker, das insbesondere dramaturgisch ausgezeichnet funktioniert und eine griffige Figurenzeichnung besitzt. Dennoch profitiert der Stoff enorm von Finchers Adaption – in den Händen eines wenigen feinfühligen Regisseurs hätten die erzählerischen Unebenheiten, die Konstruiertheit der Morde und die literarischen Verweise auf Dante, Chaucer und Milton arg bemüht und ausgestellt gewirkt.

Als brillant erweist sich hingegen das von Walker ausgeheckte Finale des Films, das den Produzenten jedoch zu perfide war und abgelehnt wurde. Der Drehbuchautor schrieb sein Skript dann zwar um, doch dank eines glücklichen Zufalls schickte das Studio Fincher für die Vorproduktion die alte Fassung.

Als die Produzenten ein komfortableres Finale durchsetzen wollten, intervenierten Regisseur und Hauptdarsteller und drohten mit Abbruch der Dreharbeiten. Letztlich bekamen sie grünes Licht für den Dreh eines der besten Kinomomente der Neunziger Jahre.

Wo ähnlich gelagerte Filme das Böse marginalisieren oder gar – wie beispielsweise Das Schweigen der Lämmer – seiner Faszination erliegen, geht Sieben mit größtmöglicher Konsequenz vor. Die Eröffnungsszene hatte uns gewissermaßen vorgewarnt – der diabolische John Doe vereinnahmt neben den Protagonisten auch uns Zuschauer.

Indem er die Welt des Films in den Abgrund reißt, zerstört er auch den Teil von uns, der in den zwei Stunden zuvor mitgefiebert hat – exakt wie von Doe geplant, werden auch wir gewaltsam geläutert. Selten war ein Filmbösewicht nicht nur den anderen Figuren, sondern auch uns Zuschauern derart überlegen – ein genialer Schachzug, wie ihn nur ein Meisterwerk wagt.

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