Z – Anatomie eines politischen Mordes ist der Referenzfilm im Bereich der Politthriller: Constantin Costa-Gavras seziert die Motive und Methoden eines vom Militär geführten Schattenstaates, der die Demokratie längst ausgehöhlt hat. Trotz spürbarer Wut verhandelt der Film sein Thema mit dokumentarischer Distanz und erzeugt trotzdem einige Spannung.

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Filmkritik:

Z spielt in einem ungenannt bleibenden Staat, dessen führender Oppositionspolitiker durch einen vermeintlichen Unfall ums Leben kommt. Die Mitarbeiter des Sozialdemokraten, ein Journalist und ein hartnäckiger Untersuchungsrichter stoßen auf zahlreiche Indizien, die nur einen Schluss zulassen: Es handelt sich um einen Mord, der weit oben innerhalb der Regierung angeordnet wurde.

„Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen ist gewollt.“ verkündet schon das Vorwort – Z beruht auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Vasilis Vasilikos und arbeitet die Lambrakis-Affäre auf, die Griechenland im Jahr 1963 erschütterte.

Der Mord am linken Politiker Grigoris Lambrakis beschädigte die rechtskonservative Regierung und verhalf den Sozialdemokraten zum Wahlsieg. Doch der demokratische Wandel sollte nicht lange anhalten: 1967 putschte das Militär und etablierte eine Junta, die Bürgerrechte abschaffte und Oppositionelle verhaftete.

Constantin Costa-Gavras wurde schon früh vom politischen Geschehen beeinflusst: Sein Vater verlor infolge seiner kommunistischen Vergangenheit den Job, ihm selbst wurden sowohl ein Studienplatz als auch ein Ausreisevisum für die USA verweigert. Costa-Gavras emigrierte daher als junger Mann nach Paris, studierte dort Film und assistierte anschließend bei René Clair und Henri Verneuil.

In der Cinematheque francais entdeckte Costa-Gavras unzählige Klassiker und bemerkte, dass politische Themen im Kino unterrepräsentiert waren. Fortan bearbeitete der Regisseur dieses Feld und schuf mit seiner dritten Arbeit Z ein Meisterstück. Der Film traf den Nerv der Zeit und gewann u. a. den Oscar für den besten ausländischen Film. Mit diesem Erfolg im Rücken konnte Costa-Gavras eine ganze Reihe politischer Werke (Der unsichtbare Aufstand, Vermisst) drehen und schwang sich zu einem der führenden politischen Filmemacher auf.

Die Finanzierung von Z stand lange auf tönernen Füßen. Das Projekt kam nur zustande, weil der Schauspieler Jacques Perrin als Produzent einsprang und zahlreiche Beteiligte für minimale Gagen arbeiteten. So konnte Costa-Gavras trotz des niedrigen Budgets auf den gefeierten Kameramann Raoul Coutard oder Stars wie Yves Montand und Jean-Louis Trintignant zurückgreifen.

Da sich das Obristenregime 1969 noch an der Macht befand, kamen Dreharbeiten in Griechenland nicht infrage, die Produktion fand daher in Algerien statt. Wenige Jahre nach der hart erkämpften Unabhängigkeit konnten sich die politischen Entscheider mit dem Thema des Films identifizieren und sicherten Costa-Gavras Unterstützung zu.

Insbesondere in den Massenszenen profitiert der Film von Hunderten Statisten. Da die französischen Kolonialherren in Algier abseits der historischen Altstadt neue Viertel im europäischen Stil errichtet hatten, ist den Kulissen des Films kein nordafrikanisches Flair anzusehen.

Die „neutrale“ Architektur passt hervorragend zur Idee, Griechenland nicht explizit als Handlungsort zu benennen, sondern dem Film eine allegorische Note zu geben – er könnte schlicht überall spielen, weil faschistische Strukturen überall möglich sind.

Passend dazu erhalten die meisten Figuren keine Namen, sondern werden über ihre Funktion benannt – „Herr Polizeipräsident“ oder „der Richter“. Dennoch lassen zahllose Requisiten – griechische Zeitungen, Bierflaschen und Polizeiuniformen – keinen Zweifel daran, welches Regime Z attackiert.

Da Costa-Gavras die Erzählweise des multiperspektivischen Tatsachenromans übernahm, unterscheidet sich der Film deutlich von ähnlich gelagerten Werken seiner Ära. Insbesondere in den amerikanischen Paranoia-Thrillern steht oft ein einzelner Held im Mittelpunkt, Z setzt hingegen auf ein Konglomerat von Figuren: Er begleitet einen Ermittlungsrichter, einen Journalisten und mehrere Mitarbeiter des ermordeten Politikers.

Die Inszenierung führt diesen überblickenden Ansatz fort und verzichtet auf Pathos und Effekthascherei. Abseits der subtilen Eleganz der Kamera prägt eine semidokumentarische Nüchternheit den Film. Insbesondere der Schnitt zeigt sich erbarmungslos: Er bricht die Szenen regelrecht ab, anstatt sie ausklingen zu lassen. Da das Drehbuch keine überflüssigen Szenen besitzt und der Schnitt sie ohne Atempause aneinanderreiht, erhält Z einen forschen Rhythmus.

Durch diese konzentrierte Dynamik erzeugt der Film nicht nur Spannung, er illustriert auch, wie sich die Folgen des Mordanschlages verselbstständigen. Zudem gelingt Costa-Gavras eine tolle Huldigung an Lambrakis, der stets mit größtmöglicher Logik argumentierte. Z folgt dieser Geisteshaltung: Methodisch reiht der Film die Ereignisse auf, fügt sie zu logischen Ketten zusammen und stellt die Unausweichlichkeit des Geschehens heraus.

Trotz der inszenatorischen Distanz positioniert sich Costa-Gavras eindeutig und ergreift Partei für die Gegner des Regimes. Das spiegelt sich in der Figurenzeichnung wider, stört jedoch nur in einem Fall – einer der Mörder erweist sich als homosexuell, was der Film überflüssigerweise negativ konnotiert.

Davon abgesehen trifft Costa-Gavras‘ Polemik sicher ins Ziel. Er durchlöchert die offizielle Fassade und den Prunk der Uniformen; dahinter erscheinen die Führungskräfte des Regimes borniert und tumb. Insbesondere die zweite Filmhälfte widmet sich mit galligem Vergnügen der Unfähigkeit der Obristen, die ihr Lügengebilde nicht länger zusammenhalten können.

Die satirischen Spitzen und das ernsthafte Spannungskino greifen auch dank der Musik von Mikis Theodorakis so gut ineinander. Der Komponist stand zum Zeitpunkt der Dreharbeiten unter Hausarrest in Griechenland, seine unkonventionellen Melodien mussten außer Landes geschmuggelt werden.

Der Score verleiht dem sonst so konzentrierten Film eine Lebendigkeit, die manch anderer Arbeit des Regisseurs fehlt. Auch für die Stimmung von Z ist Theodorakis‘ Musik essenziell: Sie öffnet das ernste Thema für das Bitter-Komische und beklagt gleichzeitig die Tragik der Ereignisse.

Theodorakis‘ Instrumente und das legendäre Finale lassen uns konsterniert zurück: Zwei Stunden lang baut Costa-Gavras den Gerechtigkeitskampf mit Herzblut auf, gönnt uns einen Sieg mit Pauken und Trompeten – und reißt dann alles mit einigen lapidaren Nachrichtenkommentaren wieder ein.

Und doch bleibt ein Trost: Das Obristenregime mag Popmusik, Mini-Röcke und lange Haare bei Männern verbieten, auch Tolstoi und Sophokles, Sartre, Pinter, Beckett und Dostojewski, doch Costa-Gavras‘ großartiger Politkrimi Z entstand trotzdem, denn Wahrheit und Logik bleiben unantastbar.

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