Die 120 Tage von Sodom

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Filmkritik:

Es ist das eine, ganz große kontroverse Werk der 120-jährigen Filmgeschichte: Mit Die 120 Tage von Sodom errichtet Pier Paolo Pasolini ein Monument, dessen Schrecken weder von der Zeit, noch von Konditionierung oder gar Geschmack gemindert werden kann. Sein Werk entspricht allen Tugenden des Mediums Film mit einem Gegenpol und ist nicht weniger als die Hölle auf Celluloid, das Inferno dieser Kunstform.

Die Ungeheuerlichkeit des Films reicht zurück bis in das Jahr 1785: Kurz vor der Französischen Revolution beschrieb der wegen seiner pornografischen Schriften eingekerkerte Marquis de Sade in einem unvollendeten Roman die abscheulichen Exzesse vier Adeliger, die nach einem festen Regelwerk systematisch mehrere Dutzend Opfer auf die unterschiedlichsten Arten sexuell missbrauchen und schließlich ermorden. Die ausschweifenden Schriften und Taten de Sades sorgten derart für Furore, dass der Autor zu unzähligen Jahren in Gefängnissen und Irrenanstalten verurteilt wurde.

Noch schlimmer erwischte es den italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini, der mit seinen auflagenstarken Kampfschriften einen Großteil der Bevölkerung gegen sich aufbrachte und sich mit der Filmadaption endgültig unmöglich machte. Im Jahr der Veröffentlichung wurde Pasolini erschlagen und mehrfach mit dem eigenen Auto überfahren. Seine Ermordung konnte nie zweifelsfrei aufgeklärt werden.

Pasolini versetzt de Sades Stoff ins faschistische Italien, hält sich inhaltlich jedoch an die Vorlage. Seine Interpretation von Die 120 Tage von Sodom konfrontiert das Publikum in einer zweistündigen Tour de Force mit einer systematischen Aneinanderreihung von Vergewaltigung, Sodomie, Folter und Mord. Doch wie erzielt ein vordergründig so simpel gestricktes Werk selbst bei mündigen Zuschauern über Jahrzehnte hinweg eine so eindrucksvolle Wirkung?

Zum Leidwesen vieler Rezipienten handelt es sich bei Pasolini nicht um einen wild gewordenen Regiedilletanten, der mit infantilen Mitteln auf vordergründige Schockeffekte aus ist. Im postfaschistischen Italien lebte der homosexuelle marxistische Intellektuelle als gesellschaftlicher Außenseiter, der mit auflagenstarken Schriften und Zeitungsartikeln die Grundfesten der ohnehin fragilen italienischen Gesellschaft zu erschüttern versuchte. Darüber hinaus drehte Pasolini parabelhafte Kunstfilme wie Teorema, in dem er die Menschen und ihre Gesellschaftsordnung nun auch mit audiovisuellen Mitteln sezierte.

Die 120 Tage von Sodom bildet das Vermächtnis des Italieners und treibt sein filmisches Schaffen auf die Spitze. Paradoxerweise entfaltet der Film seine Wirkung so gut, weil er sehr statisch und zurückhaltend inszeniert ist. Pasolini verzichtet auf Close-Ups und setzt auf eine unbewegliche Kamera, die in den meisten Einstellungen ganze Räume mit ihren Personentableaus zeigt. Ob Landschaftsaufnahme oder Vergewaltigung: Der Tonfall des Films verändert sich nicht. Pasolini versucht gar nicht erst, die Gewalt mit herkömmlichem Filmhandwerk dynamisch oder gar spannend zu schildern, sondern zeigt sie nüchtern als das, was sie ist: destruktiv und roh.

Damit umgeht der Regisseur zwei grundsätzliche Probleme, mit denen Horror- und Antikriegsfilm häufig zu kämpfen haben. Einerseits verweigert Die 120 Tage von Sodom dem Zuschauer mit seiner fast schon teilnahmslosen Inszenierung die Möglichkeit, das Geschehen als sinnliches Erlebnis zu empfinden und damit abstrahieren zu können, andererseits verhindert der kühle Blick des Films auch geschickt jeglichen Voyeurismus. Wo Hitchcock und De Palma im Speziellen oder der Horrorfilm im Allgemeinen die Lust des Publikums spiegeln und für die Dramaturgie nutzen, verkehrt Pasolini dies ins Gegenteil. Er zerrt die Objekte des Voyeurismus aus dem Schatten ins grelle Licht, sodass niemand mehr hinsehen will.

An den herkömmlichen Maßstäben des Kinos gemessen, erscheint Pasolinis Werk als grausiger Scherz, der unsere Schmerzgrenzen auslotet und uns für dieses Martyrium nicht einmal belohnt, sondern im Regen stehen lässt. Der Film selbst kennt keine inhärente Moral, er erzählt mit seinen Schrecken keine Geschichte und formuliert innerhalb seiner dokumentarischen Begutachtung von Gewaltszenen keine Botschaft.

Versteht man Die 120 Tage von Sodom jedoch nicht als Produkt des Mediums Film, sondern als politisches Instrument, das eher zufällig als kinematografisches Werk in Erscheinung tritt, lässt sich eine Einordnung leichter finden. Pasolini schildert in einem als Film getarnten zweistündigen Monolog, wie ein passives Volk von seinen Herrschern vergewaltigt wird. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, dass die Opfer sich willentlich ihrem Schicksal ergeben und in Einzelfällen sogar mit den Tätern kollaborieren. Kurzum: Pasolini bebildert den von ihm wahrgenommenen Zustand einer Gesellschaft, die sich zu keiner politischen Revolution aufraffen kann und deshalb unter den Konsequenzen ihres Nichtstuns leiden muss.

Dementsprechend bietet Die 120 Tage von Sodom weder Läuterung noch Katharsis, sondern stellt dank Pasolinis hervorragend funktionierendem Inszenierungskonzept einen zeitlosen Skandalfilm dar; einen Schandfleck der Filmgeschichte, der dem Marquis de Sade sicher gefallen hätte.

Handlung:

Die faschistische italienische Republik Salò: In einer abgeschiedenen Villa herrschen vier Männer über eine Gruppe entführter Teenager, die als Sklaven gehalten, sexuell missbraucht und gefoltert werden. Zur Erheiterung lässt sich das Regime von willfährigen Damen Geschichten der Maßlosigkeit vortragen, deren jeweilige Grundgedanken dann meist direkt an den Opfern nachgestellt und erprobt werden.

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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