Obwohl es sich bei Ein Herbstnachmittag um das letzte Werk der 35-jährigen Karriere von Yasujiro Ozu handelt, eignet sich sein Drama hervorragend als Einstiegswerk und serviert sämtliche Qualitäten des japanischen Ausnahmeregisseurs.

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Filmkritik:

Es heißt, es sei eine Kunst, etwas Schweres leicht aussehen zu lassen. Gemäß dieser Maxime entsteht die große Anziehungskraft eines Films von Yasujiro Ozu: Mit vordergründiger Simplizität erschafft der Filmemacher bedeutungsschwere, tiefsinnige Werke. Auch in Ein Herbstnachmittag verhandelt der Autorenfilmer einmal mehr seine typische Themen und lässt seine Figuren über den Sinn ihres Daseins, persönliches Glück und Verantwortung für andere sinnieren. Kurzum: Es handelt sich um einen Film über das Leben selbst.

Anlass für diese tiefschürfenden Betrachtungen geben zwei Entscheidungen, die die Protagonisten in der zweistündigen Spielzeit zu treffen haben. Zunächst muss der Witwer Hirayama sich entschließen, das Wohl seiner Tochter über sein eigenes stellen und dann muss diese auch noch zustimmen.

Dabei zählt weniger das Ergebnis dieser Fragestellungen, sondern der Weg zur Beantwortung, der Ozu-typisch nicht offen vor dem Zuschauer kommuniziert wird. Einen Großteil ihrer Gedanken behalten die Akteure für sich und es liegt an uns, dem gedanklichen Ringen, Abschätzen der Tragweite und Realisieren der Konsequenzen nachzuspüren, wenn die Kamera vor und nach Dialogszenen immer noch einige Sekunden auf den schweigsam-nachdenklichen Figuren verharrt.

Ozus meisterhafte Regie unterstützt uns darin vortrefflich. Es überrascht immer wieder aufs Neue, wie gut seine strengen, statischen Kamerapositionierungen auf Kopfhöhe der Tatamimatten im wortwörtlichen Sinne den Raum für Emotionen öffnen. Ähnlich wie bei Michelangelo Antonioni gewinnen auch Ozus Bilder durch die Umstellung auf Farbe noch an Kraft dazu, weil der Regisseur immer wieder gekonnt farbige Akzente setzt.

Zudem findet der Japaner stets den richtigen Ton. Ein Herbstnachmittag ist mitnichten ein bleischwerer Trübsinnsfilm; es wird viel gelacht und viel getrunken, gerade durch diese Herzenswärme kommen die stillen Momente gut zur Geltung. Einen großen Anteil daran tragen auch die Darsteller um Chishu Ryu.

Ein Herbstnachmittag bildet einen wunderbaren Abschluss der langen Karriere Ozus. Der Filmemacher verabschiedet sich mit einem feinfühligen Werk von großer emotionaler Intelligenz und handwerklicher Perfektion, das vermutlich umso stärker wirkt, je mehr Lebenserfahrung der Rezipient schon sammeln konnte.

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Die Sechziger Jahre zählen zu den revolutionärsten Jahrzehnten der Kinogeschichte. Mehrere Strömungen – die neuen Wellen – verschoben künstlerische Grenzen und modernisierten die Filmsprache. Viele Regisseure ließen die Themen der vorherigen Generationen hinter sich und drehten freiere, gesellschaftskritischere Werke.

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DAS GENRE

Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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