Der französische Kriminalfilm Der Rabe sorgte bei seinem Erscheinen für Kontroversen und zog sogar Gefängnisstrafen nach sich. Erst nach vielen Jahren änderte sich die Wahrnehmung: Regisseur Henri-Georges Clouzot gilt inzwischen als Meister des Spannungskinos und Der Rabe als stilprägender Klassiker.

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Filmkritik:

In Clouzots zweitem Spielfilm stürzt ein anonymer Briefeschreiber eine beschauliche Kleinstadt ins Chaos. Mit Dutzenden Schreiben diffamiert und denunziert „der Rabe“, bis die gegeneinander aufgehetzten Bewohner niemandem mehr trauen. Besonders auf den hinzugezogenen Arzt Dr. Germain scheint es „der Rabe“ abgesehen zu haben. Als das perfide Spiel ein Todesopfer fordert, bricht in der Stadt ein Aufruhr los.

Der Regisseur stellt seinem Film eine vielsagende Ortsangabe vorweg: „Eine kleine Stadt, hier oder anderswo.“ Damit deutet Clouzot schon an, dass sein Szenario kein spezifisches ist. Die hier gezeigten Missetaten benötigen kein spezielles Umfeld, sondern gedeihen überall dort, wo Menschen zusammenleben. Der Rabe erweist sich nicht nur als ausgezeichneter Krimi, sondern auch als pointierte Gesellschaftsstudie.

So unmoralisch die Briefe des Bösewichts auch anmuten – sie bestehen nicht nur aus Lügen. Manch zugespitzte Anschuldigung besitzt einen wahren Kern, die Bewohner der Kleinstadt entpuppen sich als Opfer und Schuldige zugleich.

Clouzot entsagt jeder Schwarz-Weiß-Malerei und stellt uns ein Dutzend Figuren voller Grautöne vor, sie alle besitzen Laster und Charakterfehler. Die Briefe stoßen daher auf fruchtbaren Boden: Erst die Klatschfreude und die Doppelmoral der städtischen Kleingeister verleihen den anonymen Schmähungen ihre Wirkung.

Diese gesellschaftskritische Seite des Films wirkt sich positiv auf die Krimi-Elemente aus: Wo die meisten Whodunits potenzielle Täter und ihre Motive möglichst verschleiern, tut Der Rabe das Gegenteil. Aufgrund der Vielzahl an Figuren mit verborgene Seiten und Motivationen kommt die halbe Stadt als Täter infrage.

Damit lockt uns der Film geschickt in die Falle, denn natürlich beteiligen wir uns ebenfalls an der Tätersuche. Das Drehbuch tut es dem Raben gleich und spielt genüsslich mit unseren Ressentiments. Dafür muss es nicht mehr tun, als uns einige Menschentypen zu zeigen: eine mürrische Krankenschwester, den egozentrischen Bürgermeister, das örtliche Flittchen, das naseweise Schulmädchen und den fragwürdigen Arzt.

Obwohl uns Der Rabe nur rudimentäre Indizien liefert, picken wir automatisch unseren Favoriten für die Täterschaft heraus. Anhand von was eigentlich? Für mich stand schnell fest, dass das Schulmädchen hinter allem steckt – sie wirkte mir von Anfang an unsympathisch. Mit anderen Worten: Wir sehen einen Film über Vorverurteilung und urteilen fröhlich mit – welch doppelbödige Angelegenheit!

Mit dem vielfältigen Figurentableau geht auch eine unklare Motivlage einher. Steckt hinter dem Raben ein kranker Geist, verfolgt er eine konkrete Absicht oder richtet sich sein Tun schlichtweg gegen die ganze Bevölkerung?

Nicht die Absichten des Raben, sondern die vermeintlichen Motive des Films standen bei seiner Veröffentlichung im Zentrum des Interesses. Clouzots Werk erschien im besetzten Frankreich des Jahres 1943 und sorgte für einen Skandal. Produziert wurde Der Rabe von der aus Deutschland gesteuerten Continental, weshalb der Film nicht einmal durch die Zensur musste. Seine Ambivalenz wurde ihm zum Verhängnis: Die französische Politik sah in Clouzots Arbeit eine Diffamation der französischen Bevölkerung.

Die Quittung dafür erhielt der Regisseur nach dem Ende der Besatzungszeit, für die „Kollaboration mit dem Feind“ setzte es ein lebenslanges Berufsverbot. Selbst der namhafte Hauptdarsteller Pierre Fresnay wurde zu 6-wöchiger Haft verurteilt. Zum Glück glätteten sich die Wogen in den Folgejahren, 1947 durfte Clouzot in sein Metier zurückkehren. Anschließend bereicherte er die Kinogeschichte mit tollen Werken wie Die Teuflischen und Lohn der Angst.

Auch Der Rabe gilt inzwischen als unumstrittener Klassiker. Der Vorwurf der Propaganda blieb nicht lange haltbar, denn inhaltlich setzt Clouzots Werk keine politischen Akzente. Im Gegenteil: Er tritt dafür ein, den Menschen ihre Fehler zuzugestehen und balanciert damit die düsteren Aspekte seiner Geschichte aus.

Dennoch bleibt der finstere Tonfall in nachhaltiger Erinnerung, das Klima aus Paranoia und Denunziation spiegelt die innerfranzösische Zerrissenheit der Vichy-Ära effektvoll wider. Der Blick auf die Schattenseiten der Gesellschaft verleiht Der Rabe eine pessimistische, mitunter neurotische Stimmung und kategorisiert Clouzots Meilenstein als einer der ersten Vertreter des französischen Film Noir.

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Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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