The Minus Man ist ein erstaunlicher Serienkillerfilm: Er verzichtet auf blutige Spannungsszenen und bricht mit Genre-Konventionen, etabliert eine meditative Stimmung und besetzt ausgerechnet Sunnyboy Owen Wilson als Mörder.

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Filmkritik:

Wilsons Mörder heißt Vann Siegert, streunt ziellos durch den Westen der Vereinigten Staaten und besitzt ein Talent dafür, anderen Menschen sympathisch zu erscheinen. Nach etwas Small Talk oder einem kleinen Gefallen bietet Siegert manchmal einen Schluck aus seinem Flachmann an, der vergifteten Amaretto enthält. Er sucht nicht nach Opfern, sie finden ihn.

“I feel like a light in the dark.

They come at me like moths because I shine.”

Ursprünglich trieb Siegert in einem Roman sein Unwesen, den Hampton Fancher für die Leinwand adaptierte. Doch wie bei nahezu allen Projekten Fanchers lehnten die Studios ab. Dabei hätten dem Drehbuchautor alle Türen Hollywoods offen stehen müssen, nachdem er aus einer wenig spektakulären Kurzgeschichte von Philip K. Dick das Drehbuch für Blade Runner geformt und den Sci-Fi-Meilenstein mitproduziert hatte.

Doch da Fancher sich als Freigeist nicht in das Hollywood-System eingliedern wollte, folgten dem Erfolg keine neuen Projekte. Stattdessen kratzte er Geld bei unabhängigen Produzenten zusammen und drehte The Minus Man auf eigene Faust. Fancher schrieb das Drehbuch und gab im Alter von 61 Jahren sein Regiedebüt.

Seine unangepasste Art kommt in The Minus Man deutlich zum Tragen, der Regisseur unterläuft jede Erwartungshaltung und schildert die Mordtaten seines Protagonisten seltsam beiläufig. Fancher verzichtet auf blutige Spannungsszenen und folgt keiner Spur aus Plot Points, sondern erzählt lieber lose von einer gemütlichen Kleinstadt, die er in freundlichen Sonnenscheinbildern einfängt.

Die irritierende Beiläufigkeit und der gedämpfte, ein wenig melancholische Tonfall des Films erfüllen eine konkrete Funktion: Sie bringen das Empfinden des Protagonisten zum Ausdruck, denn Vann Siegert wandelt wie ein Besucher von einem anderen Planeten unter den Menschen. Er beobachtet sie, empfindet aber allenfalls verhaltenes Mitleid oder eine milde Faszination.

Zugleich folgt der von Owen Wilson mit entwaffnender Freundlichkeit gespielte Serienkiller keinem ethischen, politischen, religiösen oder sozialen Kodex. Er kommt ohne eine echte Bindung zu anderen Menschen aus und besitzt scheinbar keinerlei Bedürfnisse. Aus dieser Position heraus fällt es Siegert leicht, stets so aufzutreten, wie es dem Gegenüber gefällt.

Doch welcher Motivation oder Maxime folgt der Mörder wirklich? The Minus Man spielt ein doppelbödiges Spiel und versetzt uns in eine ambivalente Position. Zwar ermöglicht der Film einen Blick hinter die Fassade des Protagonisten und lässt diesen sogar per Voice-over zu uns sprechen, doch obwohl er uns damit zum Komplizen erhebt, können wir Vann Siegert nie ganz erschließen.

Mit seinen Erzählungen lullt uns Siegert genauso ein wie seine Opfer: Seine Informationen bleiben gehaltlos, akribisch lenkt er uns von den Leerstellen seiner Persönlichkeit ab und verkauft uns ein gutmütiges Image. Wir tun gut daran, ihm nicht jedes Wort zu glauben. Im Lauf des Films tun sich allerdings immer mehr Risse in diesem Bild auf, da Siegert sich in eine unvorteilhafte Position bringt.

In The Minus Man bricht der sonst immer auf der Durchreise befindliche Mörder mit seiner Lebensweise und lässt sich für einige Wochen in einer Kleinstadt nieder. Er nimmt sogar einen Job an und ist fortan gezwungen, eine kohärente Persönlichkeit abzubilden, anstatt nur für kurze Zeit ein netter Fremder zu sein.

So geübt Siegert im Verstellen und Spiegeln auch sein mag, kann er seine soziopathische Ader nicht dauerhaft verbergen. Es kommt der Zeitpunkt, an dem Menschen etwas von ihm erwarten und der Mann ohne Charakter unfähig ist, es ihnen zu geben. Diese immer stärker zutage tretende Diskrepanz in Siegerts Wesen ersetzt konventionelle Spannungsszenen und sorgt für subtiles Suspense.

Die Frage, ob Siegerts Fassade fällt, ist nicht der einzige Spannungstreiber. Da Wilsons Figur stets spontan mordet, schwebt der Flachmann mit dem vergifteten Amaretto wie ein Damoklesschwert über jeder Szene, zumal der durchweg gleiche Tonfall keinerlei Vorahnung zulässt. Siegerts fehlende Empathie bedroht zudem gerade jene wichtigen Nebenfiguren, die in konventionellen Filmen vor Angriffen sicher sind – in The Minus Man gibt es keine Gewissheiten.

Da Hampton Fancher diese Linie mit der ihm eigenen Kompromisslosigkeit verfolgt, sind wir am Ende des Films kaum schlauer als zu Beginn – Vann Siegert bleibt ein Mysterium. Vielleicht bietet das großartige Finale einen kleinen Fingerzeig: Bevor der Minusmann in die Dunkelheit jenseits des Films verschwindet, kommt in der kurzen Schlussszene plötzlich – zum ersten und einzigen Mal im Film – eine magische Spannung auf.

Da Fancher zuvor jede Emotion des Protagonisten akkurat in filmische Mittel konvertiert hat, kann diese Spannung nur die Folge einer Emotion sein, die irgendwo in seinem soziopathischen Kern aufglimmt – ein echtes Gefühl, ein möglicher Ausweg aus seinem Tun. Ob Siegert diesem neuen Impuls nachgeht? Man müsste ihn kennen.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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