The Minus Man

Regie: | Jahrzehnt: | Genre: ,


Filmkritik:

Dass Hampton Fancher im stolzen Alter von 61 Jahren sein Regiedebüt feiern und mit The Minus Man einen erstaunlichen Film realisieren konnte, ist Hollywood zu verdanken – obwohl sich Fancher mit seinem Script für Blade Runner unsterblich machte, war er stets zu freigeistig für die große Filmindustrie, die kaum eines seiner Drehbücher umsetzen wollte, sodass Fancher nach vielen Bemühungen gezwungen war, unabhängige Produzenten finden. Nachdem dies gelang, konnte er The Minus Man als Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion nach seine eigenen Vorstellungen umsetzen.

Das Ergebnis entpuppt sich als sehr sehenswertes und höchst ungewöhnliches Kleinod, entspricht überhaupt nicht dem Serienkillerfilm, als der er vermarktet wurde. Fancher lässt die üblichen Genrekonventionen völlig außen vor: Er nutzt keine ausgeprägte Dramaturgie, keine Spannung, keine Kriminalfilmanleihen… er hat schlichtweg überhaupt kein Interesse für die Morde an sich.

Stattdessen nutzt The Minus Man eine Inszenierung der Belanglosigkeiten. Hier besitzt ein Mord denselben dramaturgischen Stellenwert wie ein Spaziergang oder das Lesen eines Buches. Damit übersetzt Fanchers Regie das Empfinden seines Protagonisten: Das Publikum sieht nicht die Realität, sondern die Version von Vann Siegert davon. Doch der von Owen Wilson verkörperte Protagonist spürt keine Emotionen. (Und wie Fancher uns mühelos an diese Sicht und die Figur bindet, zeugt von der großen Klasse von Regie und Script).

The Minus Man zeigt auf, dass Wilsons Figur außerhalb aller gesellschaftlicher Normen lebt. Das unbestimmbare Wesen von Vann Siegert beschäftigt über den Film hinaus, denn der „Minusmann“ definiert sich nicht über das, was er ist, sondern darüber, was ihm fehlt: Er besitzt kein ökonomisches oder ethisches Wertesystem, weshalb er folgerichtig keinem politischen, religiösen oder sozialen Kodex angehört. Daraus resultiert wiederum ein völliges Fehlen von Bindungen an seine Umwelt – wer keine Bedürfnisse hat, muss keine Regeln befolgen oder Kompromisse eingehen, um sie zu erfüllen. Da Siegert sich selbst genug ist, bringt er anderen gegenüber keine ausgeprägten Emotionen auf. Allenfalls verhaltenes Mitleid, milde Faszination oder seichte Melancholie scheint er in gedämpfter Form zu empfinden. Dieser soziale Defekt stößt Vanns innerliches Selbst automatisch außerhalb jeder gesellschaftlichen Ordnung.

Die Zustandsbeschreibung des Protagonisten führt zum Kern des Films, denn unter der Serienkillerattitüde behandelt The Minus Man grundlegende soziologische Überlegungen. Warum kann Vann Siegert kein Lebensmodell für sich finden, obwohl die heutige Gesellschaft mehr Lebensweisen ermöglicht als jemals zuvor? The Minus Man liest sich problemlos als kritische Parabel auf die Postmoderne, ähnlich wie David Finchers nur wenige Jahre zuvor erschienener Fight Club. Beide Filme zeigen „dreißigjährige Milchgesichter“, deren Leben zwar geordnet, aber völlig leer verlaufen. In der Postmoderne, in der „alles eine Kopie einer Kopie einer Kopie“ (beide Zitate aus Fight Club) darstellt, Weltanschauungen und Religion bloß noch wie Marketingstrategien erscheinen und jedes mögliche Leben bloß noch second-hand ist, bleiben keine individuellen Motivationen, keine Ziele mehr. Doch ein Ausweg, wie ihn die Protagonisten in Fight Club finden, nämlich vordergründig im Anarchismus und final in der Liebe, bleibt Vann Siegert verwehrt.

So ähnelt der Protagonist von The Minus Man dann schon eher einem Rick Deckard aus Fanchers eigenem Blade Runner-Script: Deckard lebt vollständig für seine Mission, in seiner beruflichen Funktion. Frei nach Descartes: „Ich tue, also bin ich.“ Ein Deckard ohne Mission ist unvorstellbar, sein Leben wäre leer. Die Fragen über den Sinn und Wert von Leben und Existenz führt Hampton Fancher nun in The Minus Man weiter aus, wenn er Vann Siegert immer so reagieren lässt, wie es seine Mitmenschen erwarten: Er ist nicht mehr als ein Roboter, der einstudierte Verhaltensroutinen abspult, aber keine eigene Persönlichkeit besitzt. Und genau für diesen Joe Jedermann Owen Wilson zu besetzen, erweist sich als schlichtweg genial. Wilson passt perfekt in diese Rolle und agiert ganz großartig.

Letztlich führt die Sinn- und Ziellosigkeit des Protagonisten zu einem latenten Fatalismus: Wenn das eigene Leben im Wortsinne wertlos ist, wozu lebt man dann? Diese Frage stellt The Minus Man über zwei immer wieder amüsante, nur in Siegerts Fantasie auftretende FBI-Beamte dar, die nicht nur eine Art Gewissen darstellen (und dabei, ganz postmodern, ein wandelndes Klischee sind: ein Good Cop und ein Bad Cop, einer weiß und einer schwarz), sondern Vann letztlich sogar direkt fragen, was das Ganze eigentlich soll, wohin sein Handeln führt. Ich glaube, Vann Siegert befindet sich nicht einmal auf der Suche nach Antworten. Vermutlich sucht er sogar noch nach den Fragen.

Dabei verwehrt sich The Minus Man faszinierenderweise ohnehin einer Stellungnahme und lässt auch das Schicksal des Protagonisten im Argen. Vielleicht bietet das großartige Finale einen kleinen Fingerzeig: Bevor der todbringende Minusmann mit seinem Auto in die Dunkelheit jenseits des Films verschwindet, kommt in der kurzen Schlussszene plötzlich – zum ersten und einzigen Mal im Film – eine beinahe magische Spannung auf. Da Fancher zuvor jede Emotion des Protagonisten akkurat in filmische Mittel konvertiert hat, bietet The Minus Man im Rückschluss einen Hoffnungsschimmer: Spannung als Folge einer Emotion, die vielleicht irgendwo in Vann Siegerts von der Postmoderne konditioniertem Kern verloren geglaubte Gefühle offenbart und zeitgleich das Schicksal als übergeordnete Größe installiert, die auch ziellosen Existenzen einen Ausweg anbietet.

Handlung:

Der zurückhaltende Vann Siegert kommt mit seinem Auto in eine amerikanische Kleinstadt und beschließt, sesshaft zu werden. Er zieht als Untermieter zu einem älteren Ehepaar und sucht sich einen Job. Was seine neuen Kollegen und Bekannten nicht wissen: Vann ermordet scheinbar wahllos Menschen mit Gift.

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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2017-06-16T17:04:49+00:00

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