Rächer der Unterwelt prägte das Bild des klassischen Film Noir. Das Werk von Robert Siodmak besticht durch die charakteristische Ästhetik der Schwarzen Serie und deren typische Motive: Der Film erzählt in Rückblenden von einem scheiternden Mann und einer geheimnisvollen Femme fatale.

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Filmkritik:

Das Fundament für Rächer der Unterwelt liefert eine berühmte Kurzgeschichte von Ernest Hemingway: The Killers schildert, wie zwei Auftragsmörder in einer Kleinstadt erscheinen, um „den Schweden“ zu erschießen. Ein Freund kann das Opfer vorwarnen, doch der Schwede flüchtet nicht – er wartet auf seine Mörder und lässt sich ohne Gegenwehr niederknallen.

Hemingways Geschichte erhält ihre Ambivalenz durch die strikte Reduktion. Daher verwundert es nicht, dass der Autor dem Produzenten Mark Hellinger die Filmrechte verkaufte, aber weitere Ideen zur Story verweigerte. Das stellte Hellinger vor ein Problem: Das Material reichte nur für einen Kurzfilm, um Hemingways Geschichte herum musste eine umfangreiche Filmhandlung konstruiert werden.

Dafür engagierte der Produzent eine Reihe namhafter Genre-Spezialisten, die aufgrund von Verträgen mit anderen Studios ungenannt blieben. Offiziell wurde lediglich Anthony Veiller als Drehbuchautor geführt, ein Großteil des Skriptes stammt jedoch aus der Feder von John Huston; auch Richard Brooks und der zunächst als Regisseur vorgesehene, dann aber ersetzte Don Siegel arbeiteten am Drehbuch mit.

In seiner berühmten 16-minütigen Exposition adaptiert Rächer der Unterwelt Hemingways Kurzgeschichte, anschließend installiert das Autorenteam einen Versicherungsdetektiv, den das widerstandslose Ableben des Schweden genauso neugierig macht wie uns Zuschauer. Wie in Orson Welles‘ Klassiker Citizen Kane nutzt der Film den Tod des Protagonisten für eine zweigleisige Erzählstruktur: Er zeigt die Nachforschungen des Versicherungsdetektivs und legt damit auch Schicht um Schicht die Vergangenheit frei.

Obwohl zwei Verbrechen im Zentrum des Films stehen, lässt sich Rächer der Unterwelt am ehesten als Melodram begreifen. Warum der Schwede ermordet wurde, ist bei Weitem nicht so interessant wie die Frage, wieso er seinen Tod so regungslos hingenommen hat. Dementsprechend zielen die Erkundigungen des Detektivs weniger auf die Bestrafung der Täter, sondern auf das Erforschen der Gefühlswelt eines Todgeweihten ab.

Im Laufe des Films trifft der Versicherungsdetektiv Reardon auf acht Figuren, die den Schweden in unterschiedlichen Lebensphasen gekannt haben und ihre Sicht der Dinge in elf Rückblenden schildern. Szene für Szene zeichnen sie den Abstieg des Toten in umgekehrter Reihenfolge nach, bis sich am Ende das ganze Bild ergibt.

Burt Lancasters Schwede entpuppt sich als typischer Protagonist eines Film Noir: Einer, der ehrgeizig nach persönlichem Glück strebt, vom Schicksal am Erreichen seiner Ziele gehindert wird und daraufhin beschließt, die Regeln zu brechen, um doch noch eine Chance zu bekommen.

Obwohl wir den Ausgang der Geschichte kennen und früh erfahren, dass der Schwede auf die schiefe Bahn geraten ist, besitzt Rächer der Unterwelt eine latente Spannung. Siodmak lädt uns dazu ein, das Handeln der Figuren zu hinterfragen – welche Entscheidungen führen sie in den Untergang, wo hätten sie ihren schicksalhaften Weg verlassen können?

Jede Antwort führt zwangsläufig über Kitty Collins, die Femme fatale. Im Gegensatz zu ähnlichen Werken verhehlt Rächer der Unterwelt ihr Wesen gar nicht, was viel zum ausgeprägten Fatalismus des Films beiträgt. Wir wissen, dass sie den Schweden ins Unglück stürzen wird, nur das Wie und das Warum bleiben lange offen. Kittys Handeln ist das große Rätsel des Films, sie zählt zu den mysteriösesten Vertreterinnen ihrer Gattung.

Offen ersichtlich ist hingegen die Handwerkskunst aller Beteiligten. Rächer der Unterwelt besticht durch die stimmungsvolle Musik von Miklós Rózsa und die elegante Kamera von Elwood Bredell. In besonderer Erinnerung bleibt ein Raubüberfall, den Siodmak mittels einer tollen Plansequenz inszeniert. Darüber hinaus bestechen die Bildkompositionen durch Finsternis, die selbst für Noir-Verhältnisse bemerkenswert ist.

Mit Rächer der Unterwelt stieg Robert Siodmak zu den führenden Regisseuren seiner Ära auf. Die Liebe für expressive Bilder fand der Deutsche schon in seiner Heimat: Mit dem packenden Kriminalfilm Voruntersuchung nahm Siodmak den Film Noir um zehn Jahre vorweg. Nach der Emigration in die Vereinigten Staaten führte er seinen Stil mit dem düsteren Thriller Die Wendeltreppe und dem frühen Noir Zeuge gesucht fort.

Auch die Darsteller nutzten Rächer der Unterwelt als Sprungbrett. Für Burt Lancaster sollte es der erste Film einer 40-jährigen Karriere werden. Mit Auftritten in weiteren sehenswerten Noirs wie Du lebst noch 105 Minuten und Gewagtes Alibi reifte der physisch imposante Darsteller zum Star heran, obwohl er keine Schauspielausbildung absolviert hatte.

Auch Ava Gardner konnte sich mit ihrer Darstellung der Kitty Collins in Hollywood etablieren. 15 Jahre nach Rächer der Unterwelt kam es zu einem Wiedersehen mit Burt Lancaster und Edmond O’Brien (der den Versicherungsdetektiv Reardon spielt): In John Frankenheimers Paranoia-Thriller Sieben Tage im Mai arbeiteten alle drei erneut zusammen.

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DIE ÄRA

Die Vierziger Jahre wurden durch den Zweiten Weltkrieg geprägt. Die pessimistische Weltlage schwappte in die Filmwelt über und sorgte für einen ernsteren Tonfall und düstere Bilder. Gleich zwei Strömungen von Weltruf entstanden in diesem Jahrzehnt: Der Film Noir mit seinen harten Genrefilmen und der Italienische Neorealismus mit seinem Pessimismus.

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DIE STRÖMUNG

Rund zwanzig Jahre lang bereicherte Hollywood die Kinos mit düster gestalteten Kriminalfilmen. Deren heruntergekommende Detektive und abgebrühte Femme Fatales gingen ebenso in die Popkultur ein wie ihr pessimistischer Tonfall. Damit zählt die Schwarze Serie auch abseits seiner zahllosen Klassiker zu den einflussreichsten Strömungen der Filmgeschichte.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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