Filmkritik:

Das Mädchen Saphir zählt zu den besten Werken von Basil Dearden und steht beispielhaft für das Geschick des Regisseurs, soziale Themen im Mantel eines Genrefilms zu verhandeln. In diesem Fall nutzt Dearden das Gerüst eines Kriminalfilms, um über Rassismus in der britischen Gesellschaft zu reflektieren.

Die in einem Londoner Park aufgefundene Leiche einer jungen Studentin liefert die Grundlage des Films. Aufgrund unzähliger Messerwunden erkennt der zuständige Superintendent Hazard ein Verbrechen aus Hass, kann sich jedoch keinen Reim auf das Motiv machen. Erst als sich herausstellt, dass die ermordete Sapphire trotz ihres europäischen Aussehens die Tochter einer afrikanischen Emigrantin war, erschließt sich dem Ermittler ein Mordgrund.

Fortan spürt Superintendent Hazard den rassistischen Neigungen im Umfeld der Toten nach, um den Täter zu ermitteln. Es ist kein Zufall, dass er dabei ständig auf offene Anfeindungen und unbewusste Vorurteile trifft. Basil Dearden drehte sein Werk als direkte Reaktion auf die Notting Hill-Unruhen des Spätsommers 1958, als hunderte Rechte mehrere Nächte lang in den Wohnvierteln ethnischer Minderheiten randalierten.

Den Tod der jungen Sapphire nutzt Dearden als Aufhänger, um den Rassismus im Großen wie im Kleinen unter die Lupe zu nehmen. Der Film versteht es ausgezeichnet, den Alltagsrassismus der Menschen einzufangen. Dazu zählen nicht nur verbale Entgleisungen von fragwürdigen Figuren, sondern auch unbewusste Äußerungen und Vorurteile, von denen sich selbst die Polizisten und die Beinahe-Schwiegereltern der Ermordeten nicht freimachen können.

Der unterschwellige Rassismus von nicht wenigen Charakteren bedeutet auch eine ganze Reihe von Verdächtigen, weshalb Das Mädchen Saphir als Kriminalfilm ebenso gut funktioniert wie als sozialkritischer Kommentar. Gleichzeitig spiegelt Deardens Werk die Glaubenssätze von uns Zuschauern: Immerhin stellen wir unsere eigenen Verdächtigungen an – erliegen wir dabei vielleicht auch unseren Vorurteilen?

Obwohl Das Mädchen Saphir ein klares Konzept verfolgt, verkommt er nie zu einem artifiziellen Krimi nach Vorbild von Klassikern wie Mord im Orient-Express. Dearden interessiert sich nicht für kriminologische Twists und effektvolle Übertreibungen, sondern zeichnet ein realistisches Bild des Arbeitermilieus. Das London des Jahres 1959 wirkt trist und unfreundlich; nichts deutet auf die kommende Ära der Swinging Sixties hin.

Die typisch britische, nüchterne Inszenierung verleiht dem Geschehen einen fatalistischen Anstrich, der im Laufe des Films deutlicher zutage tritt. Das Doppelleben der nirgendwo ganz zugehörigen Sapphire, die omnipräsenten zwischenmenschlichen Spannungen und das so gelungene wie überraschende Finale zeugen von den Kollateralschäden, die der Rassismus der Menschen auslöst. Zuletzt stellt Superintendent Hazard folgerichtig fest: „Wir haben den Fall nicht gelöst, wir haben nur die Scherben aufgesammelt.“

Handlung:

In einem Londoner Park wird eine tote Musikstudentin gefunden. Police Superintendent Hazard arbeitet fieberhaft an der Aufklärung des Mordes und stellt schnell fest, dass die Studentin nicht nur gleichzeitig in zwei völlig verschiedenen Welten lebte, sondern auch einiges verheimlichte. Das macht die Suche nach dem Mörder noch schwieriger …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.