Mit Scarface, dem Remake von Howard Hawks‘ Gangsterfilmklassiker aus dem Jahr 1932, schrieb Brian De Palma nicht nur Filmgeschichte, sondern prägte auch die Popkultur. Das bunte Eighties-Flair Miamis, Al Pacinos expressives Spiel und einige intensive Gewaltszenen verliehen Scarface den Ruf eines Kultfilms.

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Filmkritik:

Das Drehbuch schrieb kein Geringerer als Oliver Stone, der danach eine imposante Karriere als Regisseur startete und mit Platoon, Wall Street oder Natural Born Killers großartige Arbeiten vorlegte. Für die Adaption von Hawks‘ Klassiker ersetzte er das regnerische Chicago der Prohibition durch das sonnenbeschienene Miami der Achtziger und Alkohol durch Kokain, die grundsätzlichen Bestandteile ließ Stone jedoch unverändert. Nicht nur handeln beide Werke von Aufstieg und Fall eines Gangsterbosses und schildern nebenbei einen Konflikt zwischen ihm und seiner Schwester, auch einige Schlüsselszenen und sogar den Slogan „The World is Yours“ übernahm Stone für die Neuauflage.

Schon das Original sorgte mit seiner Rasanz und der Gewaltdarstellung für Aufregung unter Zeitgenossen, doch De Palmas Adaption des Stoffes wurde noch in weitaus größerem Umfang als brutal und sogar gewaltverherrlichend gebrandmarkt. Allerdings unterscheidet sich der Gewaltgrad von Scarface nicht merklich von ähnlichen Produktionen – er wirkt lediglich aufgrund der kompetenten Inszenierung härter.

Das beste Beispiel liefert die berühmt-berüchtigte Szene, in der ein Gangster von Konkurrenten in einer Apartmentdusche mit einer Motorsäge getötet wird. Was brutal klingt und sich auch so anfühlt, ist eigentlich eine Verbeugung De Palmas vor seinem Idol Alfred Hitchcock und dessen ikonografischen Duschmord in Psycho.

Beide Sequenzen arbeiten auf eine ähnliche Weise und zeigen zu keiner Sekunde, wie das Mordinstrument den Körper des Opfers berührt – grafische Gewalt findet also gar nicht statt. In Psycho erzeugt erst der im Wortsinne messerscharfe Schnitt die Bilder im Kopf des Zuschauers, in Scarface bekräftigen das entsetzte Gesicht Pacinos und ein blutiger Duschvorhang das nicht sichtbare Geschehen. Durch den omnipräsenten Nihilismus und die harte Sprache der Gangster erhält De Palmas Werk einen agressiven, erbarmungslosen Tonfall; ein grausamer Film ist Scarface jedoch nicht.

Auch am expressiven Schauspiel von Hauptdarsteller Al Pacino scheiden sich die Geister seit der Veröffentlichung, doch setzt Pacino wirklich auf konsequentes Overacting, weil er nicht subtiler spielen kann?

Bei der Betrachtung sollte nicht vergessen werden, dass Tony Montana selbst ein Schauspieler ist, wie er selbst zu Beginn des Films zugibt: „I watch the guys like Humphrey Bogart, James Cagney. They, they teach me to talk. I like those guys.“ Montana, der nur mit der Kleidung auf seiner Haut in die Vereinigten Staaten immigriert, besitzt nichts außer seinem Ego.

Es ist die einzige Waffe, die er ausspielen kann, um sich Vorteile zu verschaffen und sich gleichermaßen selbst zu versichern, dass er zu Höherem bestimmt ist – fake it till you make it. Und so gibt sich Montana so lange als Alphatier, bei dem alles zur großen Geste mutiert, bis sich der Erfolg einstellt. Der oft zur Theaterhaftigkeit neigende Pacino wirkt auf mich wie die perfekte Besetzung für diesen immanent grotesken Gangster, wie es ihn wohl seit Cagneys Protagonisten in den Klassikern Den Morgen wirst du nicht erleben und Sprung in den Tod nicht mehr gegeben hat.

Wie zwei Urgewalten dominieren Pacinos Performance und die Gewaltdarstellung die Rezeption von Scarface, der jedoch deutlich mehr zu bieten hat. De Palmas großartige Inszenierung und die famose, schwerelose Kamera von John A. Alonzo fangen das fluoriszierende Miami der Achtziger Jahre mit großem Flair ein und etablieren die Stadt als tropischen Sündenpfuhl. Das großartige Setdesign der Innenräume und der atmosphärische Synthesizer-Score von Giorgio Moroder runden diesen Eindruck passend ab.

Das Drehbuch von Oliver Stone gewinnt aufgrund der konventionellen Geschichte keinen Innovationspreis, überzeugt allerdings durch unzählige Details und führt seine unterschiedlichen Hälften harmonisch zusammen. Zunächst zeigt Scarface ganz in der Tradition des Genres den Aufstieg Montanas als pervertierten amerikanischen Traum – sprichwörtlich vom Tellerwäscher schießt sich der Kubaner den Weg an die Spitze eines eigenen Syndikates.

Die Wandlung zum Albtraum setzt jedoch nicht erst mit Montanas exzessivem Niedergang ein, sondern viel früher – trotz all seines Reichtums, seiner Macht und der ihm eigenen Skrupellosigkeit scheitert er nicht wirklich an der Konkurrenz, wie es das Finale vordergründig darstellt; vielmehr bezwingt ihn der amerikanische Kapitalismus.

Dessen Ausrichtung auf immerwährendes Wachstum und die Doppelmoral der amerikanischen Institutionen aus Politik und Finanzbranche rauben Montana jede Befriedigung. Die Erkenntnis, dass alles Geld der Welt nicht glücklich macht und große Macht nur die noch Mächtigeren auf den Plan ruft, konterkariert das gerade in der Popkultur oft missverstandene Image des Films. Wie in seinem späteren Werk Wall Street reißt Oliver Stone der amerikanischen Gesellschaft die Maske runter – Gier ist nicht gut, sondern der Anfang vom Ende.

Als apokalyptischer Abgesang auf unsere Gesellschaft der Niezufriedenen ist Scarface ein Meisterwerk.

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Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunnits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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