Filmkritik:

Blake Edwards‘ Thriller Der letzte Zug orientiert sich visuell am Film Noir und glänzt mit seinen Schauwerten und der ausgezeichneten Hauptdarstellerin Lee Remick.

Der letzte Zug ist einige Jahre nach der Ära des klassischen Film Noir erschienen und zählt nicht mehr zur Schwarzen Serie, vereinnahmt jedoch einige Stärken der Strömung und brilliert mit seiner düsteren Schwarz-Weiß-Fotografie. Die Bildgestaltung setzt stimmungsvolle Akzente und lässt überhaupt nicht erahnen, dass Regisseur Blake Edwards vornehmlich bunte Komödien wie Der Partyschreck drehte. Das Jahr 1962 stellt jedoch das eigentliche Highlight in Edwards‘ Filmografie dar – neben Der letzte Zug veröffentliche er einen weiteren düsteren Schwarz-Weiß-Film, das meisterhafte Melodram Die Tage des Weines und der Rosen mit Jack Lemmon und erneut mit Lee Remick.

Während der Opening Credits begleiten wir Remicks Protagonistin, die Bankangestellte Kelly Sherwood, auf dem Nachhauseweg durch das abendliche Los Angeles, was geschickt Handlungsort und Stimmung skizziert. Anschließend serviert Der letzte Zug einen Auftakt nach Maß und fährt die Spannung hoch: In der Dunkelheit der heimischen Garage lauert Sherwood ein Krimineller auf und stürzt sie in ein Dilemma: Wenn sie nicht die Kasse ihrer Bank plündert, würde der Verbrecher ihrer jüngeren Schwester etwas antun.

Mit diesem Start stimmt Edwards‘ Werk ein fesselndes Katz-und-Maus-Spiel an. Das Drehbuch spielt den simplen Plot effektiv aus, die wahre Stärke des Films liegt jedoch in der Figurenzeichnung. Das Script verweigert sich dem typischen Schubladendenken und beschreibt Kelly Sherwood nicht als hübsches Opfer oder Heldin, die über sich hinauswächst; im Gegensatz zu vielen anderen Kriminalfilmen verkommt sie auch nie zum Vehikel für den Ermittler der Polizei. Stattdessen verkörpert Lee Remick eine emanzipierte, kluge und beherrschte Frau, die natürlich durch die drohende Gewalt eingeschüchtert ist, aber eben auch Risiken abschätzt und sich zu helfen weiß.

Klug agiert allerdings auch der von Ross Martin bedrohlich gespielte Kriminelle mit den charakteristischen asthmatischen Atemproblemen, der dem Geschehen immer einen Schritt voraus zu sein scheint. „Rufen Sie nicht die Polizei an“, befiehlt er Kelly Sherwood bei der ersten Konfrontation. Wie in jedem anderen Film tut sie dies natürlich trotzdem, doch im Gegensatz zu ähnlichen Genrevertretern ist der Täter nicht verschwunden, sondern kontrolliert Sherwoods Reaktion und bestraft sie. So verdeutlicht Der letzte Zug von Anfang an die Gewaltbereitschaft und Perfidie des Antagonisten, der nie zur flachen Alibifigur gerät.

Blass bleibt hingegen ausgerechnet der namhafteste Star des Films – nicht nur besitzt der von Glenn Ford gespielte FBI-Beamte John Ripley keine Ecken und Kanten, Fords Spiel bleibt ohne Esprit, eine routinierte Abbildung früherer Auftritte. Zu den Schwächen von Edwards‘ Werk zählen auch einige Abschweifungen, die den Plot nicht voranbringen, aber das Tempo verschleppen. Dem steht die Cleverness des Drehbuchs gegenüber, die Konflikte nicht vor dem Finale aufzulösen und die Geschichte dank geschickt eingesetzter Suggestionen brutaler und düsterer wirken zu lassen, als sie ist; damit sichert sich Der letzte Zug ein durchgängig hohes Suspense-Level und unterhält von Anfang bis Ende.

Handlung:

Als die Bankangestellte Kelly Sherwood abends nach Hause kommt, lauert ihr ein skrupelloser Verbrecher auf und erpresst sie – wenn sie nicht ihre eigene Bank bestiehlt, würde der astmatisch röchelnde Mörder ihrer Schwester etwas antun. Sherwood schaltet das FBI ein, doch der Verbrecher scheint den Ermittlern immer einen Schritt voraus zu sein. Dem FBI bleibt nichts anderes übrig, als die junge Frau als Köder zu benutzen …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.