Filmkritik:

In A Legend Or Was It? spürt Regisseur Keisuke Kinoshita einmal mehr den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die Zivilbevölkerung nach. Allerdings geht der Filmemacher deutlicher radikaler als gewohnt vor und entsagt seinen feinfühligen Melodramen zugunsten einer deftigen Spirale der Gewalt.

Kinoshitas Werk spielt zur Zeit der verheerenden Atomschläge auf Hiroshima und Nagasaki in einem beschaulichen Dorf auf Hokkaido. Aufgrund der sicheren Niederlage des japanischen Kaiserreiches herrschen Fassungslosigkeit und Frustration. Dafür haben die Bauern ihre Söhne und ihre Ernten geopfert? A Legend Or Was It? beobachtet, wie die Ohnmacht vor dem großen Krieg in Populismus und Wut umschlägt. Einige Flüchtlinge aus Tokio müssen schließlich als Ventil herhalten – die Dorfbewohner entfesseln ihren eigenen kleinen Krieg.

Zwar schildert Kinoshita, wie die Bauern ihre Verbitterung auf eine Randgruppe projizieren und die Mischung aus Doppelmoral und Gruppenzwang in Gewalt umschlägt, ein tief gehendes Psychogramm zeichnet A Legend Or Was It? jedoch nicht. Der 84 Minuten kurze Film kommt schnell zur Sache und verzichtet dafür auf eine differenzierte Figurenzeichnung.

Statt an Werke wie Jagdszenen aus Niederbayern oder Das weiße Band erinnert Kinoshitas Film eher an Sam Peckinpahs Wer Gewalt sät: Der Regisseur arbeitet mit groben Pinselstrichen und einer kolportagehaften Herangehensweise, erzeugt eine aggressive Atmosphäre und spielt die Protagonisten möglichst effektvoll gegeneinander aus. Kinoshita baut von Beginn an Spannung auf und inszeniert die zweite Filmhälfte wie ein einziges langes Finale – die Ereignisse überschlagen sich, Verfolgungsjagden und Gewalttaten häufen sich.

Damit erweist sich A Legend Or Was It? als untypischer Film des Regisseurs, der den Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt seines Schaffens rückte. In den Vierziger Jahren drehte Kinoshita Propagandafilme wie Port Of Flowers, danach spezialisierte er sich darauf, die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung einzufangen. Werke wie Eine japanische Tragödie und vor allem das bewegende Melodram Vierundzwanzig Augen formulieren Antikriegsbotschaften, ohne die Schlachten zu zeigen.

In A Legend Or Was It? ändert Kinoshita seinen Stil radikal – vom Feingefühl des Regisseurs zeugen nur noch die grandiosen Panoramen der Landschaft. In Verbindung mit der unkonventionellen musikalischen Untermalung erinnert der Film szenenweise sogar an einen Western; der gewöhnungsbedürftige Einsatz von Maultrommeln verleiht dem Geschehen einen sardonischen Unterton. Die auditive Ebene scheint die tragischen Ereignisse polemisch zu hinterfragen. So grausam können Menschen doch nicht zueinander sein – es handelt sich doch nur um eine Legende, oder?

Handlung:

Im Sommer 1945 neigt sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende entgegen, dem japanischen Kaiserreich droht eine donnernde Niederlage. Die Bewohner eines Dorfes auf Hokkaido haben elf Männer verloren – ein Opfer, das nun wertlos wirkt und wütend macht. Als eine Hochzeit zwischen dem Sohn des Dorfältesten und einer geflüchteten Frau aus Tokio platzt, startet der enttäuschte Bräutigam eine Verleumdungskampagne gegen die Fremden. Die Wut der Bauern steigert sich zum irrationalen Fremdenhass …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.