Alfred Hitchcocks Propagandafilm Das Rettungsboot zählt nicht zu den bekanntesten Arbeiten des britischen Regisseurs, reiht sich aber mühelos in die Riege seiner Klassiker ein. Die propagandistische Färbung bleibt über weite Strecken dezent, das exzellente Drehbuch und die durchgehende Spannung sind über jeden Zweifel erhaben.

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Filmkritik:

Nach Der Auslandskorrespondent und Saboteure beschäftigt sich Hitchcock zum dritten Mal mit einem Stoff, der innerhalb des Zweiten Weltkrieges stattfindet. Der 1944 veröffentlichte Film spielt unmittelbar nach einer Konfrontation zwischen einem amerikanischen Passagierschiff und einem deutschen U-Boot. Beide Schiffe sinken, zehn Überlebende versammeln sich nach und nach auf einem Rettungsboot – darunter auch ein Deutscher, was von Anfang an für Konflikte sorgt.

Alfred Hitchcock arbeite lange an der Idee, einen Film auf engstem Raum spielen zu lassen. Ursprünglich sah der Brite dafür eine Telefonzelle vor, fand für diesen Ansatz aber kein Szenario; es sollte bis zum Jahr 2002 dauern, bevor Joel Schumacher den Ansatz mit Nicht auflegen! realisierte. In Das Rettungsboot nähert sich Hitchcock seinem Vorhaben immerhin an, denn der Film spielt ausschließlich in dem titelgebenden Vehikel.

Für die Inszenierung setzte der Meisterregisseur auf einen effektiven Winkelzug: Wir erleben die tagelange Irrfahrt der Schiffbrüchigen als Passagier. In den ersten zwei Minuten treibt die Kamera noch über das Wasser, doch wenn sie auf das im Nebel treibende Rettungsboot trifft, positioniert sie sich für den Rest der Spielzeit innerhalb des Bootes.

Weil es keine Totalen gibt, die das Geschehen aus der Distanz auflösen und somit für Erleichterung sorgen, stellt sich schnell ein Gefühl der Isolation ein. Damit geht auch eine größere Dramatik einher – alles, was den Protagonisten zustößt, bedroht auch unsere Position. Die Konsequenz der Kamera findet eine Entsprechung auf der Tonebene, weil der Film keinerlei externe Musik einsetzt.

Obwohl Das Rettungsboot mit Tod und Untergang beginnt, überrascht der Film schon zu Beginn durch einen hohen Unterhaltungswert, der auf pointierten Dialoggefechten beruht. Der von Hitchcock so geschätzte sardonische Humor muss nicht zwangsläufig auf dessen Autorenschaft zurückgehen, denn neben dem Briten beteiligten sich auch der Autor Jo Swerling, der Pulitzer- und Literaturnobelpreisträger John Steinbeck sowie die Drehbuchlegende Ben Hecht am Script.

Seine Spannung erzeugt Das Rettungsboot auf eine für Hitchcock untypische Weise: Statt durch äußere Bedrohungen entsteht das Suspense – wie schon im vier Jahre zuvor veröffentlichten Oscar-Gewinner Rebecca – aus der Charakterentwicklung. Hier offenbart sich die hohe Qualität des Drehbuchs, das die wechselnden Verhältnisse zwischen den Protagonisten wunderbar organisch herleitet.

Im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen die Unterschiede zwischen den Schiffbrüchigen. Diese entstammen allen Schichten der Gesellschaft: Ein wohlhabender Fabrikbesitzer und eine (herrlich versnobte) Dame der High-Society teilen sich das Boot mit einem farbigen Dienstboten, einer Krankenschwester und mehreren einfachen Matrosen des Handelsschiffes. Zwangsläufig decken die Überlebenden auch das gesamte politische Spektrum ab.

Daher dauert es nicht lange, bis dieser soziale Schmelztiegel Grundsatzdiskussionen hervorbringt. Im Gegensatz zu den abstrakten Diskursen im heimischen Parlament besitzen die Moralfragen in dieser Drucksituation eine unangenehm praktische Note – das Überleben der Gruppe hängt von der Fähigkeit ab, gemeinsame Lösungen zu finden. Das Rettungsboot illustriert mehrmals sehr anschaulich, wie anstrengend Demokratie sein kann.

Umso spannender sind diese Beobachtungen angesichts des nationalsozialistischen Feindbildes, das sich in Form des deutschen Matrosen Willi an Bord befindet. Für uns Zuschauer gibt Willi einen hervorragenden Antagonisten ab, da wir ihn nur schwer einschätzen können – er wirkt freundlich und verschlagen zugleich. Mit seiner Intelligenz und Willensstärke ringt der Deutsche auch den Mitgliedern der Gemeinschaft Respekt ab.

Das bringt eine interessante Sachlage hervor: Wir sehen die Mühen und das niedrige Umsetzungstempo der Demokratie auf der einen Seite und die Entscheiderqualitäten und Fähigkeiten des Deutschen auf der anderen. Wenn sich die Amerikaner dann tatsächlich ihrem Gefangenen unterordnen, erinnert das nicht von ungefähr an ein gewisses Volk, das seine Demokratie in konfliktreichen Zeiten hinter sich ließ, um sich hinter einem starken Führer zu versammeln …

Vielen Filmkritikern stieß Hitchcocks Film sauer auf, denn Willis clevere Machtpolitik hatte so gar nichts mit den tumben Krauts anderer Propagandafilme gemein. Die Presse merkte irritiert an, Hitchcock zeichne die Deutschen als Übermenschen. Angesichts der düsteren Kriegszeit erscheint diese Kritik zumindest nachvollziehbar; aus heutiger Sicht ist Willi ein Glücksfall für den Film, der aufgrund des starken Schurken fabelhaft funktioniert.

Inzwischen lässt sich die negative zeitgenössische Kritik entspannt negieren: Auf der Handlungsebene erklärt das Drehbuch die Grundlagen von Willis Fähigkeiten – er wurde schlichtweg gut ausgebildet – und auf der politischen Ebene entlarvt sich der Deutsche letztendlich selbst. Willis Tun betrügt das Vertrauen der anderen Schiffbrüchigen, die seine Diktatur am Ende durchschauen und sich dann doch für die schwere, aber alternativlose Demokratie entscheiden.

Trotz seiner ambivalenten Tendenzen ergreift Das Rettungsboot also doch klar Partei für die Sache der Alliierten und die Werte der Demokratie. Im Gegensatz zu vielen übermäßig patriotischen Propagandafilmen arbeitet Hitchcocks Werk sich dafür nicht an Feindbildern ab, sondern führt einen echten Diskurs.

Zumindest besteht dieser Eindruck bis in die letzten Minuten, wo das Drehbuch einen weiteren Deutschen hervorzaubert, um im wirklich blöden Finale endgültig zu beweisen, wie böse das gesamte Volk ist. Das plakative Finale beeinträchtigt die Gesamtqualität von Das Rettungsboot zum Glück nur marginal, Hitchcocks Thriller ist intelligent und fesselnd zugleich.

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DER REGISSEUR

Alfred Hitchcock ist wohl der bekannteste Regisseur der Welt. Diesen Ruf erwarb sich der Brite mit einer cleveren Selbstvermarktung, aber auch durch unzählige Meisterwerke. Im Lauf seiner 50-jährigen Karriere sicherte sich Hitchcock eine größtmögliche künstlerische Freiheit und schuf dank seiner handwerklichen Brillanz fesselnde Krimis und Thriller, die ihm den Beinamen „Master Of Suspense“ einbrachten.

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DAS GENRE

Ähnlich wie der Actionfilm basiert auch das Thriller-Genre nicht auf inhaltlichen, sondern auf formalen Gesichtspunkten. Eine größtmögliche, im Optimalfall konstant gehaltene Spannung ist das Ziel. Dafür bedienen sich Thriller in der Regel einer konkreten Bedrohungslage. Wird die Gefahr überwiegend über Andeutungen und Suspense transportiert, findet gerne der Terminus Psychothriller Anwendung.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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