Filmkritik:

Yasuzô Masumuras nihilistischer Noir-Thriller Der schwarze Testwagen schildert den mit kriminellen Mitteln ausgetragenen Konkurrenzkampf zweier Autohersteller, begeistert durch den hohen Unterhaltungswert und einen sich behutsam aufbauenden Subtext.

Masumura begann seine Karriere als Regieassistent u.a. bei Kenji Mizoguchis Die Straße der Schande und drehte in seiner frühen Phase die bunte Satire Giganten und Spielzeuge, in der drei Süßwarenkonzerne um die Marktherrschaft kämpfen. Das Thema der konkurrierenden Unternehmen greift der Regisseur in Der schwarze Testwagen wieder auf, verlässt dabei jedoch die ironischen Gefilde zugunsten einer pessimistischen Bestandsaufnahme der japanischen Gesellschaft.

Der titelgebende Testwagen stellt die letzte Hoffnung der kleinen Automobilfirma Tiger dar, denn der deutlich größere Konkurrent Yamato droht, Tiger aus dem Markt zu drängen. Das neu entwickelte Automodell könnte sich als großer Trumpf entpuppen, doch die Konkurrenz schläft nicht: Der Yamato-Konzern spioniert und erpresst, um an die Unterlagen des geheimen Modells zu gelangen. Das ruchlose Vorgehen zwingt Tiger, zu den gleichen Mitteln zu greifen, sodass es zu einem schmutzigen Krieg zwischen den beiden Herstellern kommt.

Mit großer Lust stößt uns Regisseur Masumura in die unangenehme Welt des Films, die in kalten Schwarz-Weiß-Bildern eingefangen wird und in vielerlei Hinsicht an den amerikanischen Film Noir erinnert. Die zynischen Dialoge verbreiten im Zusammenspiel mit der ständigen Anspannung eine gehässige Stimmung, die an Noir-Klassiker wie Dein Schicksal in meiner Hand erinnert. Der schwarze Testwagen treibt den Plot mit enormen Tempo voran und fährt reihenweise Intrigen auf.

Masumura liefert ein rassiges B-Movie voller korrupter Charaktere, einer allseits präsenten Paranoia und einem durchweg maroden Weltbild ab. Dementsprechend bereitet Der schwarze Testwagen einen Heidenspaß, doch seine größte Stärke spielt der Film dank einer geschickten Verlagerung erst spät aus. Im letzten Drittel verleiht Masumura seinem Werk einen durchschlagenden Subtext, der von einem gewöhnlichen Genrefilm nicht unbedingt zu erwarten ist.

Zu Beginn ist die Gemengelage klar verteilt – wir drücken der kleinen Firma Tiger die Daumen und hoffen, dass sie dem mächtigen Yamato-Konzern und seinem skrupellosen Vorsitzenden ein Schnippchen schlägt. Im weiteren Verlauf initiiert der Film jedoch einen schleichenden Wandel, wenn die eigentlich sympathischeren Mitarbeiter von Tiger ebenfalls zu illegalen Mitteln greifen – die Helden mutieren zu Anti-Helden.

Während wir Zuschauer wie die Protagonisten dem Rausch der Ränkespiele erliegen und dank des Film Noir-Flairs ordentlich mitfiebern, demaskiert Masumura das Geschehen im Finale, sodass jede Art von Wohlwollen für die Handelnden in sich zusammenfällt. Der Film verdeutlich, wie stark sich die Angestellten von Yamato und Tiger gleichen. Sie alle stellen sich vollkommen in den Dienst einer abstrakten Industriewelt, die Aussicht auf den großen Sieg rechtfertigt den Einsatz aller Mittel.

Damit beschreibt Masumura exakt jene Geisteshaltung, die das japanische Kaiserreich in den Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen Ruin getrieben hat; die Menschen haben nicht daraus gelernt, sondern lediglich den Nationalismus durch den Kapitalismus ersetzt. Auch das erbarmungslose Handeln der Figuren führt Der schwarze Testwagen auf den Zweiten Weltkrieg zurück und weist mehrfach darauf hin, dass die Spionagetaktiken und die martialischen Aktionen aus den Militärlaufbahnen der Protagonisten entliehen sind. Für sie geht der Krieg weiter, er tobt nun zwischen Firmen statt Nationen.

Im Gewand eines Thrillers verdeutlicht Masumura, wie sich die japanische Gesellschaft durch den Zweiten Weltkrieg verändert hat. Den beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung Japans führt der Regisseur auf die totale Selbstaufgabe der Bürger zurück. Weil sie ihre Werte und Ideale ablegen, erhält der erbarmungslose militärische Duktus der Vergangenheit Einzug in die zivile Geschäftswelt und vereinnahmt die Menschen. Der Kapitalismus frisst die Seele der Protagonisten und macht sie zu Sklaven der Arbeitswelt. Der Verlust von sozialen und gesellschaftlichen Bindungen führt zu zwangsläufig zu einer Entmenschlichung.

Die letzte Szene des Films mag die Liebe und das Leben gegen diese Tendenz in Position bringen, dennoch bleibt nach dem Ansehen von Der schwarze Testwagen ein pessimistisches Gefühl zurück. Danach sollte sich der Pessimismus in Nihilismus wandeln – vier Jahre später veröffentlichte Masumura mit dem meisterhaften Antikriegsfilm Red Angel sein bedrückendstes Werk.

Handlung:

Die Automobilschmiede Tiger steht kurz vor dem Aus – der neue Prototyp kämpft noch mit Konstruktionsfehlern und der übermächtige Konkurrent Yamato arbeitet mit schmutzigen Methoden daran, hinter die Geheimnisse des neuen Modells zu kommen. Dieser existenziellen Bedrohung können die Mitarbeiter von Tiger nur mit einem Gegenschlag begegnen – es folgen Spionage und Gegenspionage, Bestechung und Bedrohung. Beide Konzerne gehen zum Äußersten …

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.