Filmkritik:

Mit Dr. Mabuse, der Spieler schuf Regisseur Fritz Lang sein ultimatives Meisterwerk. Das Stummfilmepos verfügt mit seinem titelgebenden Superverbrecher über einen ikonografischen Bösewicht, überzeugt durch eine moderne Inszenierung und setzt der Weimarer Republik ein filmisches Denkmal.

Fritz Lang und seine Ehefrau Thea von Harbou adaptierten einen via Berliner Zeitung veröffentlichten Fortsetzungsroman von Norbert Jacques. Sie verlegten die Handlung von München nach Berlin und zeichneten die Hauptstadt als modernes Babylon, in dem Dr. Mabuse mit einer Vielzahl von Verbrechen daran arbeitet, die junge Weimarer Republik ins Wanken zu bringen, während ein Staatsanwalt fieberhaft nach dem Urheber der Taten sucht.

Fritz Lang inszenierte Mabuses perfide Pläne über drei Filme hinweg. Dr. Mabuse, der Spieler erschien 1922 und bildet den Auftakt, mit dem Tonfilm Das Testament des Dr. Mabuse setzte Lang die Reihe 1933 fort und schloss sie mit dem letzten Werk seiner Karriere, dem zu vernachlässigenden Die 1000 Augen des Dr. Mabuse, im Jahr 1960 ab. Der erste Teil stellt das Prunkstück und Opus Magnum der Trilogie dar: Die Laufzeit beträgt ganze 270 Minuten, die der Film in zwei Teile mit je sechs Akten gliedert.

Der Auftakt von Dr. Mabuse, der Spieler verschreibt sich vollends seinem Schurken. Die ersten beiden Akte, „Sein Tag“ und „Seine Nacht“, stellen das Tun Mabuses eindrucksvoll vor und verweisen auf Nietzsches Idee vom Übermenschen. Basierend auf der unbarmherzigen Logik eines kriminellen Genies, greifen Mabuses Verbrechen wie die Räder eines Uhrwerks ineinander – er kombiniert einen Dokumentendiebstahl mit gestreuten Gerüchten, um die Börse nach seinem Gusto zu manipulieren und bedient sich dabei vieler Helfer, während er selbst im Hintergrund bleibt.

Wenn Mabuse mal persönlich eingreift, erkennen ihn dank seiner ausgeklügelten Masken und Verkleidungen weder Freund noch Feind; auch wir Zuschauer fallen das eine oder andere Mal auf vermeintliche Statisten herein, die sich als der Verbrecher entpuppen. Doch der Schurke verlässt sich nicht nur auf seinen scharfen Verstand und eine straffe Verbrecherorganisation, sondern bedient sich auch einer übernatürlichen Fähigkeit. Seine enorme Geisteskraft versetzt Mabuse in die Lage, anderen Menschen auf hypnotische Weise seinen Willen aufzuzwingen.

Dieses fantastische Element von Dr. Mabuse, der Spieler erinnert noch am ehesten an die beiden französischen Vorläufer von Langs Werk. Der Regisseur Louis Feuillade drehte zwei große, ähnlich gelagerte Filmserien: 1913 inszenierte Feuillade fünf Fantomas-Filme, 1915 legte er die großartige Serie Die Vampire nach. Der französische Regisseur kann für sich beanspruchen, mit Fantomas den ersten Superbösewicht der Filmgeschichte auf Zelluloid gebannt zu haben; Feuillades kindliche Freude an comichaften Sensationen sorgt für einen enormen Unterhaltungswert, vermittelt jedoch gleichzeitig einen altmodische Eindruck.

Fritz Lang wählte einen seriöseren Tonfall und schuf einen erwachsenen Klassiker: Statt muntere Abenteuer zu erleben, ringen die Protagonisten in Dr. Mabuse, der Spieler mit existenziellen Bedrohungen. Langs Werk etablierte damit den Standard für nachfolgende Kriminalfilme und Thriller; sein Superverbrecher diente als Blaupause für die künftigen Bösewichte, die Filme wie die James Bond-Reihe unsicher machen sollten. Die eindrucksvolle Präsenz des Mabuse-Darstellers Rudolf Klein-Rogge trägt ihren Teil dazu bei, dass die Figur zu den fulminantesten Bösewichten der Kinogeschichte zählt.

Regisseur Fritz Lang drückte dem Film nicht nur durch seinen ernsthaften Ansatz seinen Stempel auf, sondern leitete mit seiner unfassbar modernen Inszenierung ein neues Zeitalter des Stummfilms ein. Die Regie imponiert mit einem enormen Tempo, das von einer so simplen wie eleganten Reduktion auf Wesentliches erzeugt wird. Trotz der immensen Spielzeit gönnt sich Lang keine langatmigen Passagen, sondern treibt den Plot in jeder Szene vorwärts. In einer Zeit, in der Filme in der Regel nur einen Handlungsstrang mit zwei bis drei Figuren bearbeiteten, wartet Dr. Mabuse, der Spieler mit einem Dutzend Figuren auf und hält den ausschweifenden Plot mühelos zusammen.

Die Produktion zielte von vorneherein nicht nur auf die Veröffentlichung eines konventionellen Kriminalfilms ab, sondern unternahm den Versuch, „Ein Bild der Zeit“ zu zeichnen, wie es der Zusatztitel angibt. Ähnlich wie nach ihm Rainer Werner Fassbinder mit Berlin Alexanderplatz, inszeniert auch Fritz Lang das Babylon Berlin in unterschiedlichsten Ausprägungen. Die Protagonisten entstammen allen Gesellschaftsschichten, die in Spielhöllen und Nachtlokalen aufeinandertreffen, wenn sich der Film nicht gerade durch die Luxusappartements und Nobelhotels der High Society bewegt. Das fantastische Produktionsdesign gießt den Stil von expressionistischen Vorläufern wie Das Cabinet des Dr. Caligari in eine modernisierte Form – die Räumlichkeiten besitzen einen realistischen Kern, das Bühnenbild bereichert sie jedoch um überhöhte Akzente, die sämtlichen Orten eine eigene Charakteristik verleihen.

Obwohl der Film feststellt, dass in den chaotischen Zuständen der Weimarer Republik das Böse gärt, sollte Dr. Mabuse trotz einiger loser Parallelen nicht als Spiegelung von Adolf Hitler verstanden werden. Zu Entstehungszeitpunkt des Films glich die NSDAP noch eine Kleinpartei. Das änderte sich bis zur Veröffentlichung des zweiten Teils Das Testament des Dr. Mabuse im Jahr 1933: Lang legte dem Antagonisten Zitate von Führungsfiguren der Nazis in den Mund, das Regime verbot prompt die Aufführung des Films; Fritz Lang emigrierte erst nach Frankreich und schließlich in die Vereinigten Staaten, wo er seiner Filmografie zahlreiche spannende Werke hinzufügte.

Vom schieren Produktionsaufwand über das famose Drehbuch bis hin zu Fritz Langs imposanter Inszenierung setzte Dr. Mabuse, der Spieler Maßstäbe. Der nahezu perfekte Film fasziniert auch fast 100 Jahre nach seiner Veröffentlichung. Die 2001 eingespielte, stimmungsvolle Musik des erfahrenen Stummfilmkomponisten Aljoscha Zimmermann setzt das I-Tüpfelchen auf die zahllosen Stärken des Klassikers, der noch weit vor Frau im Mond oder Metropolis zu den Meilensteinen der Filmgeschichte gezählt werden muss.

Handlung:

Der über hypnotische Fähigkeiten verfügende Psychopathologe Dr. Mabuse betreibt eine unterirdische Geldfälscherwerkstatt. Mit dem dort gedruckten Geld finanziert er zunächst seine Unternehmungen und baut eine international operierende Verbrecherorganisation auf, die die Welt mit Börsenmanipulationen, Glücksspiel, Entführungen und ähnlichem unsicher macht. Ihm auf der Spur ist Staatsanwalt Wenk, dem fast jedes Mittel recht ist, Mabuse zu überführen. Doch der Superschurke erweist sich als beinahe übermächtig…

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.