Berlin Alexanderplatz zählt zu den Glanzstücken deutscher Fernsehgeschichte. WDR und Bavaria boten Rainer Werner Fassbinder die Gelegenheit, den von ihm geschätzten gleichnamigen Roman von Alfred Döblin in seiner ganzen Ausführlichkeit zu verfilmen: Auf satte 930 Minuten beläuft sich die Spielzeit von Fassbinders 14-teiligem Epos, dass das Leben eines gesellschaftlichen Außenseiters in der Weimarer Republik nachzeichnet.

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Filmkritik:

Wie auch Döblins 1929 erschienener Roman, der bereits zwei Jahre später von Piel Jutzi zum ersten Mal verfilmt wurde, entwirft auch Fassbinders Adaption in erster Linie ein Zeit- und Sittenbild des Berlins der Dreißiger Jahre. Wo der Roman sein Berlin mit einem stream of consciousness wie ein Mosaik zusammensetzt, nutzt Fassbinder imponierende Schauwerte.

Die Kulissen und Kostüme sorgen von Anfang an für ein glaubhaftes Szenario und erzeugen eine dichte Atmosphäre. Dabei verzichtet Fassbinder auf das Ausstellen eines Postkartenberlins, sondern konzentriert sich auf die Milieus der kleinen Leute.

Der Vorlagentreue zum Trotz handelt es sich bei Berlin Alexanderplatz dennoch ganz klar um ein typisches Fassbinder-Werk, das über Döblins Setting und den grundlegenden Plot des Romans auch die üblichen Sujets des Regisseurs abarbeitet. Nach dem etwas zähen Start entspinnt Berlin Alexanderplatz ein dichtes Großstadtgewirr und schildert nie vordergründig, sondern immer nur in Details die Lebensumstände der Menschen und seines Protagonisten Franz Bieberkopf, der aus dem Gefängnis entlassen wird und einen Weg zurück in die Gesellschaft sucht.

Dabei trifft er Verbrecher, Zuhälter und Faschisten, schlägt sich als Zeitungsverkäufer, Vertreter und Ganove durch, verliebt sich in seine „Mieze“, erleidet Schicksalsschläge und kämpft mit dem Alkohol. Wie so oft verhandelt Fassbinder auch hier den Konflikt eines Einzelnen, der nie so recht in die Gesellschaft zu passen scheint. Bieberkopf kann nicht heraus aus seiner Haut. Dabei wirkt die Stadt durchgängig wie ein Tag und Nacht belebter Bienenstock und vermittelt, wie diese niemals stillstehende Gesellschaft den Protagonisten vor sich hertreibt und dieser kaum eine Chance hat, selbst über sein Leben zu bestimmen.

Auch in puncto Figurenanlage und Dialogführung glänzt Berlin Alexanderplatz mit Fassbinder-Tugenden. Sein Drehbuch stattet alle wichtigen Charaktere mit mehreren Facetten aus, offenbart ihre Hoffnungen und Schwächen; keine funktionalen Drehbuchgestalten bewohnen dieses Berlin, sondern sich organisch verändernde Menschen.

Die Darsteller aus dem bewährten Ensemble des Regisseurs (u. a. Barbara Sukowa, Hanna Schygulla und Gottfried John) runden die Figurenzeichnung mit tollem Spiel positiv ab. Überstrahlt werden sie noch von Hauptdarsteller Günter Lamprecht, der seiner Karriere drei Jahre nach der denkwürdigen Performance im ebenfalls gelungenem Alkoholikerdrama Rückfälle den nächsten Meilenstein hinzufügte.

Dank des hohen Produktionsniveaus und Döblins Vorlage entwickelt Berlin Alexanderplatz einen Sog. Fassbinders Werk begeistert mit seinem Berliner Charme, dichter Atmosphäre, der Figurenzeichnung und einer so bodenständigen wie zeitlosen Geschichte, der eine fast schon romantische Begeisterung für diesen seltsamen Zustand unserer Existenz, den wir Leben nennen, innewohnt.

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DER REGISSEUR

Rainer Werner Fassbinder zählt zu den wichtigsten deutschen Regisseuren und gilt als Vorreiter des Neuen Deutschen Films. Fassbinder lebte für das Kino und arbeitete ununterbrochen. Obwohl er mit nur 37 Jahren starb, umfasst seine Vita mehr als 40 Spielfilme und zwei TV-Serien. Der Regisseur vereinte seine Vorliebe für Genrefilme und Melodramen mit klugen, oft kritischen Beobachtungen gesellschaftlicher Entwicklungen.

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Rainer Werner Fassbinder zählt zu den wichtigsten deutschen Regisseuren und gilt als Vorreiter des Neuen Deutschen Films. Fassbinder lebte für das Kino und arbeitete ununterbrochen. Obwohl er mit nur 37 Jahren starb, umfasst seine Vita mehr als 40 Spielfilme und zwei TV-Serien. Der Regisseur vereinte seine Vorliebe für Genrefilme und Melodramen mit klugen, oft kritischen Beobachtungen gesellschaftlicher Entwicklungen.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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