Schock-Korridor

Regie: | Jahrzehnt: | Genre:


Filmkritik:

Der Autorenfilmer Samuel Fuller zählt zu den besten B-Movie-Regisseuren der Kinogeschichte und drehte mit Schock-Korridor ein Meisterwerk. Ausschließlich in einer Nervenheilanstalt spielend, kombiniert Fullers Film auf unnachahmliche Weise eine Krimihandlung mit einer kritischen Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft.

Vordergründig schildert das Script, wie sich ein Zeitungsreporter, der nicht weniger als den Pulitzerpreis anstrebt, unter Vorspiegelung einer Zwangsstörung in ein Sanatorium einweisen lässt, um einen dort geschehenen Mordfall aufzuklären. Drei Zeugen gilt es zu vernehmen, ohne als Schwindler entlarvt oder von den Medikamenten und Elektroschocks in den Wahnsinn getrieben zu werden.

Der Kern von Schock-Korridor bildet sich jedoch erst bei der Befragung der Zeugen heraus. Der erste entpuppt sich als ohne Heimatliebe aufgewachsener und zum Kommunismus konvertierter Mann, der sich für einen patriotischen General aus dem amerikanischen Bürgerkrieg hält; der zweite sieht sich als einer der Gründer des Ku-Klux-Klans und terrorisiert afroamerikanische Insassen, obwohl er selbst ein Farbiger ist; der dritte entwickelte als Wissenschaftler die Wasserstoffbombe mit, besitzt nun aber nur noch den Intellekt eines Kleinkindes.

Mit einem realistischen Kriminalfilm hat das Geschehen dann schon längst nichts mehr zu tun, mit voller Absicht verwandelt Fuller seinen Stoff in eine absurde Versuchsanordnung, um gnadenlos Salz in die Wunden der amerikanischen Gesellschaft zu streuen. Schock-Korridor spiegelt die großen nationalen Neurosen seiner Zeit und demaskiert ganz Amerika als Irrenhaus, in dem ansteckende irrationale Psychosen grassieren. Mit dem nicht unbedingt überraschenden, aber treffsicheren Schluss etabliert Fuller seine letzte Anklage: Die amerikanische Gier nach Ruhm mag bisweilen in einem Erfolg münden, bezahlt diesen jedoch mit seiner Seele.

Zur moralischen Polemik verkommt Fullers Freakshow allerdings nie. Nicht nur der fetzige Plot, sondern auch ein großartiger galliger Humor entschärft den Film und erhöht den Unterhaltungswert. Immer wieder erlaubt sich Fuller schelmische Seitenhiebe. So lässt er den Reporter in einer memorablen Szene zufällig in einen Raum voller Nymphomaninnen stolpern – die ultimative Männerfantasie! Doch die Realität sieht anders aus: Die Frauen zerfleischen ihren ehemals selbstbewussten Besucher regelrecht.

Fuller präzise Regie vermittelt gekonnt den Wahnsinn der Parallelwelt des Anstaltslebens, insbesondere seine effektvolle Mise en Scène sorgt trotz der simplen Kulissen für eine dichte Atmosphäre. Dazu tragen auch die vorzüglichen Schwarz-Weiß-Bilder von Kameramann Stanley Cortez bei, der schon Die Nacht des Jägers eine besondere Stimmung verlieh. Immer wieder bricht Fuller den realistischen Anstaltsalltag. Mal regnet es innerhalb des Gebäudes in Strömen, mal visualisiert der Filmemacher die Träume seines Protagonisten, in dem er dessen Freundin geisterhaft leuchtend im Miniaturformat über den Körper des Schlafenden wandeln lässt. Auch die Erinnerungsfetzen der drei Zeugen erhalten einen besonderen Kick: Sie stammen aus Fullers privatem Bildarchiv und überstrahlen in Farbe die Schwarz-Weiß-Bilder.

Auch die griffige Figurenzeichnung überzeugt und bietet trotz nicht wirklich sympathischer Charaktere genügend Anknüpfungspunkte für das Publikum. Obwohl sich Fuller wie so oft keine Stars leisten konnte, verfügt Schock-Korridor über hervorragende Darsteller, die vorwiegend aus TV-Serien rekrutiert wurden. Peter Breck reißt in der Hauptrolle jede Szene an sich und beeindruckt mit einer derartigen Präsenz, dass es rätselhaft bleibt, warum ihm niemals größere Werke vergönnt waren. Constance Towers, die spätere Hauptdarstellerin in Fullers Der nackte Kuss, weiß als Freundin des Reporters ebenfalls zu gefallen. Ein kleines Highlight liefert der leider zu unbekannte Larry Tucker, der in seiner Schauspielkarriere nur drei Nebenrollen spielte, dabei jedoch ausschließlich in großartigen Werken auftrat. Neben Schock-Korridor – als übergewichtiger, Opernarien schmetternder Bettnachbar des Reporters – bereicherte er noch Blast Of Silence und Sturm über Washington mit seinem markanten Spiel.

Schock-Korridor beinhaltet alle Stärken des Ausnahmekönners Samuel Fuller, der als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in Personalunion durch handwerkliches Geschick und sichere Führung der Schauspieler ein besonderes B-Movie schuf. Die knackige Präsentation, der schwarze Humor, die spannende Story und der gesellschaftskritische Subtext ergeben eine so unkonventionelle wie unterhaltsame Filmerfahrung.

Handlung:

Der Journalist Johnny Barret lässt sich für psychisch krank erklären und in eine Nervenheilanstalt einweisen, um einen Mord aufzuklären, der sich vor kurzem dort ereignet hat. Den Pulitzerpreis schon vor Augen, ignoriert alle Gefahren und versucht, die drei Insassen zu finden, die das Verbrechen beobachtet haben. Doch nicht nur die Verrückten machen Johnny zu schaffen, auch die Behandlung und die Medikamente schlagen bei ihm an. Barret versucht seine Tarnung aufrechtzuerhalten und nicht selbst verrückt zu werden, während seine Freundin vor Sorge immer wieder damit droht, den Schwindel auffliegen zu lassen und sein Chefredakteur auf sensationelle Ergebnisse wartet.

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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