Mord an einem chinesischen Buchmacher

Ein Film von John Cassavetes

 

 | Erscheinungsjahr: 1976

 | Jahrzehnt: 1970 - 1979

 | Produktionsland: USA

 

Mit Mord an einem chinesischen Buchmacher unternahm John Cassavetes einen Ausflug ins Genrekino und verpackte eine seiner typischen Charakterstudien als Gangsterfilm. Dabei blieb der Regisseur seinem einzigartigen Stil treu: Sein Film bricht mit erzählerischen Konventionen und interessiert sich vornehmlich für die Leerstellen des Genres.

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Filmkritik:

Im Mittelpunkt des Films steht Cosmo Vitelli, der einen drittklassigen Nachtclub betreibt und nach einer Pokernacht bei den falschen Leuten in der Kreide steht. Die kriminellen Gläubiger wissen, dass Vitelli seine 23.000 Dollar-Schuld nicht kurzfristig begleichen kann, und setzen ihm ein Ultimatum: Wenn er seinen geliebten Nachtclub behalten will, muss er sein Saldo durch einen Auftragsmord ausgleichen.

Das New Hollywood-Kino brachte zu Beginn der Siebziger Jahre neue Tendenzen in den Kriminalfilm ein: Werke wie William Friedkins French Connection und Martin Scorseses Hexenkessel interessierten sich wenig für ihren Plot und mehr für die Charaktere und Milieus. Diese Entwicklung führte John Cassavetes mit Mord an einem chinesischen Buchmacher zum Äußersten.

Hier assimilieren die Charakter- und Milieuzeichnung den Plot regelrecht. Bei Cassavetes dient eine Szene nicht länger dem Vorantreiben der Handlung, sondern der Etablierung eines Zustandes – der Film stellt nicht die Taten, sondern das Sein des Protagonisten in den Vordergrund. Erst in der Summe ergeben die ineinander mäandernden Zustandsbeschreibungen einen Werdegang.

Dieses Verhaften im Moment verstärkt Cassavetes noch durch eine semidokumentarische Inszenierung, die bewusst filmische Makel nutzt, um an Bodenständigkeit zu gewinnen: Die Beleuchtung der Schauplätze fällt oft suboptimal aus, die Dialoge klingen manchmal dumpf und weit entfernt, eine musikalische Untermalung aus dem Off bleibt aus und hinterlässt bisweilen eine „leere“ Tonebene. Diese Imperfektionen verleihen Mord an einem chinesischen Buchmacher eine große Natürlichkeit.

Besonders radikal fällt die Kameraarbeit aus, die 1976 eine kleine Revolution bedeutete und selbst heute noch gewöhnungsbedürftig erscheint. Cassavetes fängt das Geschehen ausnahmslos mit einer Handkamera ein und nutzt dabei vornehmlich Nahaufnahmen. Oft füllt Cosmo Vitelli das Bild komplett aus, bisweilen sehen wir nur sein Gesicht oder folgen seinen Händen.

Das irritiert zunächst, weil uns der Film von allem abschneidet, was normalerweise Gegenstand der Betrachtung ist. Die perspektivischen Einschränkungen verdeutlichen die Wahrnehmung des Nachtclubbesitzers, der stets mit sich selbst beschäftigt ist und kein Gespür für die Welt um sich herum besitzt. Der Mangel an Bildinformationen verleiht dem Film eine Unruhe, die den aus dem Takt geratenen Lebensrhythmus der Hauptfigur widerspiegelt.

Der Intimität der Nahaufnahmen zum Trotz bleibt uns das Innenleben des Protagonisten verborgen; Ben Gazzara gelingt es, seine Figur fassbar zu machen, ohne sie auf Eindeutigkeiten festzulegen. Seine subtile Darstellung bringt eine zusätzliche Ambivalenz in den Film und erhöht den Reiz, die Hauptfigur zu ergründen.

Es gibt viel zu entdecken an Cosmo Vitelli, der oft ein Lächeln zur Schau stellt und dabei doch einen gequälten Eindruck macht. Das Leben entzieht sich ihm: Er kann es nicht kontrollieren, kann Geld nicht festhalten und ist unfähig, seine Position durch Taktieren oder Lavieren zu verbessern; die Menschen bemitleiden ihn oder schubsen ihn herum, und Vitelli erträgt das mit hilflosem Stoizismus.

Vitelli ist ein Selbstbetrüger, der krampfhaft versucht, am Bild von sich selbst festzuhalten. Und so macht er stets gute Miene zum bösen Spiel, um sich nicht eingestehen zu müssen, seine Träume nie verwirklichen zu können. Sein Nachtlokal symbolisiert den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Vitelli strebt nach einem künstlerisch geprägten Burlesque-Club und bringt es doch nur zu einem billigen Tittenschuppen mit Stripperinnen, die überall abgelehnt wurden.

Obwohl es sich bei Vitelli um eine tragische Gestalt – wenn nicht gar um einen Clown wider Willen – handelt, nähert sich Cassavetes ihm mit großer Warmherzigkeit. In diesem Fall trägt die Figurenzeichnung autobiografische Züge, denn auch der Filmemacher verzweifelte mit seinen künstlerischen Bestrebungen an kommerziellen Zwängen und äußeren Einflüssen.

Nach einem verkorksten Karrierestart brach der Regisseur mit Hollywood und avancierte zu den Wegbereitern des amerikanischen Independentkinos. Für diese Hinwendung zur Kunst bezahlte Cassavetes einen hohen Preis. Er verlor jede Chance auf große Filme, stattdessen musste er eine Hypothek aufnehmen und sich als Schauspieler prostituieren, um seine Low-Budget-Produktionen zu finanzieren. Damit konnte er sich als Autorenfilmer etablieren, doch die Verleiher wollten seine Werke trotzdem nicht, weil sie bei Kritikern und Publikum durchfielen.

So erging es auch Mord an einem chinesischen Buchmacher, dessen Länge von 135 Minuten selbst bei Ben Gazzara auf Ablehnung stieß. Die Produzenten nahmen den Film nach sieben Tagen aus den Kinos und baten Cassavetes um einen neuen Schnitt. Ähnlich wie bei Apocalypse Now gibt es keine Primärfassung, beide Cuts haben ihre Berechtigung. Die Kinoversion stellt die Ziellosigkeit des Geschehens stärker heraus, die 25 Minuten kürzere Variante bietet eine intensivere Erfahrung.

Unabhängig von der Fassung liefert Mord an einem chinesischen Buchmacher ein sehenswertes Beispiel für das kantige Schaffen eines höchst eigenständigen Filmemachers, dessen Filme uns viel zumuten, aber auch mit wahrhaftigen Figuren und einem einmaligen Stil für sich einnehmen.

★★★★☆☆

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