Ein streunender Hund

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Filmkritik:

Akira Kurosawas neunte Regiearbeit Ein streunender Hund huldigt dem damals auch in Japan populären Film Noir und belegt Kurosawas Ruf als „westlichsten“ japanischen Regisseur. Allerdings buchstabiert der Filmemacher die Werke der Schwarzen Serie nicht einfach nach, sondern löst sich zunehmend von den Prinzipien des amerikanischen Genrefilms und setzt eigene Akzente.

Kurosawas Kriminalfilm begleitet den ehrgeizigen Polizisten Murakami bei der Suche nach seiner gestohlenen Dienstwaffe. Der vom jungen Toshirô Mifune gespielte Protagonist erhält Unterstützung vom altersweisen Cop Sato (ein weiterer Stammdarsteller von Kurosawa: Takashi Shimura) und versucht zunehmend verzweifelter, seinen Revolver zu finden, bevor der Dieb ihn für Verbrechen einsetzt.

Für die eher simple Geschichte nimmt sich Kurosawa ganze zwei Stunden Zeit und negiert damit von vorneherein die Konventionen der schmissigeren Film Noirs aus den Vereinigten Staaten. Ein streunender Hund bedient sich weniger bei den typischen hard boiled Krimis amerikanischer Prägung, sondern pflegt wie spätere Werke Kurosawas eine Verwandtschaft zu den Romanen Dostojewskis: Nicht die Verbrechen selbst stehen im Mittelpunkt, sondern ihre Implikationen. Der Verlust der Dienstwaffe und die damit verübten Taten dienen nicht einem möglichst effektvollen Aufbau von Spannung, sondern geben Mifunes Figur und uns Zuschauern den Anlass für eine moralische Bestandsaufnahme und eine gesellschaftliche Betrachtung.

Ein streunender Hund erschien im Jahr 1949 und damit inmitten des japanischen Wiederaufbaus, den Kurosawas Film wiederholt thematisiert. Murakami überwand seine Kriegstraumata und verkörpert inzwischen als Polizist einen offiziellen Teil der Nachkriegsordnung, doch der Verlust seiner Dienstwaffe verdammt ihn zu einem Abstieg in die Unterschicht der Gesellschaft. Der Kontakt zu den Hoffnungslosen, den Rumtreibern, Kleinkriminellen, Arbeitslosen und Dirnen setzt eine Entwicklung in Gang. Wie auch in Kurosawas späterem Meisterwerk Zwischen Himmel und Hölle driftet der Protagonist in einen moralischen Graubereich, in dessen Kern sich die conditio humana der japanischen Gesellschaft offenbart.

Nebenbei denkt Kurosawa über die höheren Mächte in unser aller Leben nach. Glück oder Unglück, Zufälle oder Schicksal spielen eine gewichtige Rolle in diesem Film, der im weiteren Verlauf immer weniger zwischen gut und böse unterscheidet, sondern die Umstände darstellt, die Menschen zu ihrem Handeln veranlassen. Selbst der Mann, der mit Murakamis Pistole zum Mörder wird, entpuppt sich letztlich als ein negatives Spiegelbild des Polizisten: Ihre Biografie verläuft nahezu identisch, bis das Schicksal sie zu unterschiedlichen Seiten derselben Medaille macht.

Im Vergleich zu einem konventionellen Kriminalfilm mag das Tempo von Ein streunender Hund zu niedrig ausfallen, der Reflexion über die gezeigten gesellschaftlichen Befindlichkeiten kommt die ruhige Herangehensweise jedoch zugute. Die fehlende Spannung fängt Kurosawas meisterhafte Regie auf. Der japanische Regisseur findet regelmäßig großartige Bildkompositionen und versteht es vortrefflich, Tokio im Hochsommer einzufangen. Der omnipräsente Schweiß auf Haut und Kleidung der Menschen, ihr ständiger Einsatz von Taschentüchern und Fächern erzeugt ein Gefühl für die Hitze, die wie ein Katalysator für die zunehmend fiebrigere Verbrechersuche wirkt.

Im letzten Viertel steigert der Film das Spannungslevel und hält ein packendes Finale bereit. Murakamis existenzielle Odyssee endet im Zentrum des Graubereichs, wenn er zum Schluss dem Killer und damit seinem Spiegelbild gegenübersteht. Doch eine Katharsis bleibt aus: Nichts kann die Verbrechen der Vergangenheit rückgängig machen; wir bezeugen nur einen Einzelfall aus tausenden. Daraus leitet Kurosawa eine moralische Botschaft ab – Verbrechen ist ein Symptom für gesellschaftliche Missstände, die nur durch zwischenmenschliches Verständnis überwunden werden können. Durch seine tief gehende Betrachtung der Menschheit trägt Ein streunender Hund dazu bei.

Handlung:

Der junge Polizist Murakami fährt wie jeden Tag mit dem Bus nach Hause, als er plötzlich merkt, dass etwas nicht stimmt – jemand hat im dichten Gedränge seine Dienstwaffen gestohlen! Nicht nur fügt der Verlust der Karriere von Murakami einen herben Knick zu, auch das Gewissen plagt den ehrgeizigen Polizisten. Für die mit seiner Waffe begangenen Verbrechen fühlt er sich verantwortlich. Unterstützt von dem erfahrenen Kollegen Sato beginnt Murakami mit den Ermittlungen, um seine Dienstpistole im hochsommerlichen Tokio aufzuspüren …

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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