Das Fenster zum Hof

Regie: | Jahrzehnt: | Genre:


Filmkritik:

Das Fenster zum Hof zählt nicht aufgrund immenser Spannung oder einer wendungsreichen Handlung zu den großen Klassikern der Filmgeschichte, sondern weil Alfred Hitchcock seinen Krimi hochgradig reflexiv anlegt und uns Zuschauer auf uns selbst zurückwirft.

Schon seit den Anfängen des Mediums diente das Kino als Schaukasten von Sensationen aller Art. Wie kein zweiter Regisseur spielte Hitchcock die Lust am Voyeurismus aus und fand immer wieder neue Szenarien, mit denen er beim Publikum die Lust am Morbiden und Absonderlichen herauskitzeln konnte. Das Fenster zum Hof stellt den Höhepunkt dieser Zuschauerbezogenheit dar und nutzt erneut James Stewart in der Rolle eines Jedermanns, der noch deutlicher als sonst den Stellvertreter des Publikums gibt.

Bereits die fantastische Eröffnungssequenz stellt den Zweck von Stewarts Figur – dem wegen eines gebrochenen Beins an Rollstuhl und Apartment gefesselten Fotoreporter Jeff – deutlich heraus. Wenn die Kamera nicht gerade den Protagonisten selbst beobachtet, nimmt sie automatisch seine Perspektive ein und offenbart uns durch Jeffs Augen das Geschehen auf der gegenüberliegenden Häuserseite. In langen Schwenks macht uns Hitchcock mit den Mietern der anderen Apartments bekannt, Fenster für Fenster der riesigen Häuserwandkulisse fährt die Kamera ab und liefert den Voyeuren in uns reichlich Material.

Nach der Exposition zieht Hitchcock die Spannung an, als Jeff einen seiner Nachbarn bei einem Mord beobachtet – oder doch nicht? Nur die im Fenster befindlichen Ausschnitte waren zu sehen, nur Indizien sprechen dafür. Die Differenz zwischen äußerem Schein und der tatsächlichen Realität stellt den großen Reiz von Das Fenster zum Hof dar und bindet uns Zuschauer erneut geschickt mit ein. Wie Jeff, können auch wir nur mutmaßen und werden dadurch umso mehr an die gegenüberliegende Fensterseite gefesselt. Hitchcocks Spiel mit den Andeutungen beeinflusste eine ganze Reihe von anderen Klassikern, von denen insbesondere Brian De Palmas Blow Up sowie Michelangelo Antonionis Blow Out ähnlich ambivalent agieren.

Bei der Ausgestaltung der Kriminalgeschichte läuft Hitchcock zur Hochform auf und hält ein konstantes Spannungsniveau aufrecht. Nebenbei begründet der Regisseur Jeffs obsessive Neugierde an seinen Mitmenschen über den inneren Konflikt der Handlung, einer Beziehungskrise zwischen Jeff und seiner Freundin. Zwar wirken die Dialoge der beiden etwas zu salopp ausgestaltet, doch die Chemie zwischen Grace Kelly und James Stewart stimmt sichtlich und hinter Hitchcocks frivoler Freude an der ewigen Differenz der Geschlechter offenbart sich überraschend Jeffs Impotenz. Erst mit dem phallischen Teleobjektiv gelingt es Jeff, sein unerfüllbares Begehren in die Außenwelt zu verlagern und zumindest partiell zu befriedigen.

Leider enttäuscht Das Fenster zum Hof im Finale. Der Schluss entpuppt sich gleich in doppelter Hinsicht als vollkommen einfallslos: Nicht nur heißt der Film die unmoralische Sensationslust von Jeff und uns Zuschauern gut und macht es sich damit reichlich einfach, auch den äußeren Konflikt des vermeintlichen Mordes löst Hitchcock auf die denkbar simpelste Weise auf.

Dennoch: Das Fenster zum Hof zählt aufgrund seiner reflexiven Herangehensweise, Hitchcocks meisterhafter Regie und des hohen Suspensefaktors zu den wichtigsten Werken des Regisseurs und ist trotz seiner unmoralischen Aussage absolut sehenswert.

Handlung:

Der Fotograf Jeff sieht sich gehörig der Langeweile ausgesetzt, seit er sich bei einem Unfall das Bein gebrochen hat. Nun muss er den ganzen Tag in seiner Wohnung ausharren und sein Bein schonen – einzig die Besuche seiner Pflegerin und seiner Verlobten verringern die tägliche Monotonie. Abgesehen von den gelegentlichen Konversationen bleibt Jeff nichts anderes übrig, als hin und wieder mal einen Blick auf seine Nachbarn zu werfen und Anteil an deren Leben zu nehmen. Doch eines Tages spielt sich etwas seltsames in der Wohnung der Thorwalds ab – man könnte fast den Eindruck haben, der Ehemann habe seine Frau ermordet. Sicherlich hat Jeff sich nur getäuscht… oder doch nicht?

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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