Der Titel des Films sollte derweil nicht zu der Annahme verleiten, Kubricks Werk handele primär vom gleichnamigen Protagonisten, obgleich der dreistündige Film dem turbulenten Werdegang von Barry Lyndon fußgetreu folgt.
Wie schon die literarische Vorlage von William Makepeace Thackeray interessiert sich auch die Adaption mehr für die Gesellschaft seiner Zeit und entwirft ein ausführliches Sittenbild, das mit feiner Ironie kommentiert wird; Barry dient lediglich als Vehikel, um die herrschenden Sitten und Normen herauszufordern und zu hinterfragen.
Der Film spielt Mitte des 18. Jahrhunderts und findet viele tolle Momente, um die Zweischneidigkeit dieser Epoche bloßzustellen. Es ist die Ära von Eitelkeit und Etikette: Der Umgang miteinander hat so eloquent und formvollendet wie möglich zu sein, das Äußere geschminkt und der Tod auf dem Schlachtfeld in Reih und Glied, was Bände spricht – lieber aufgrund der Etikette sterben, statt für das eigene Leben die Fasson aufzugeben!
Hinter den Masken aus Anstand und Höflichkeit offenbart Kubrick dieselbe Habgier, Eifersucht und Egomanie, die auch in jedem anderen Zeitalter zu den Eigenschaften der Menschheit zählten. Gerade auch Barry Lyndon, dessen Werdegang sich über sämtliche Gesellschaftsschichten, mehrere Länder und diverse Tätigkeiten erstreckt, nutzt jede Gelegenheit aus, um voranzukommen und erfüllt damit die Charakterisierung eines Antihelden voll und ganz.
Allerdings zeigt der Film auch die Gründe dafür auf: Erst nachdem Barry am eigenen Leib erfuhr, wie das andere Geschlecht sich seine Gefühle zunutze machen konnte, er ausgetrickst und um seinen Besitz bestohlen wurde, wendet er dieselben Mittel ebenfalls an.
Trotz der Tatsache, dass die Anwender unredlicher Tugenden mit Erfolgen belohnt werden, sollte dies nicht als Botschaft missverstanden werden. In der zentralen Szene des Films entscheidet sich Barry bei einem Pistolenduell gegen den eigenen Vorteil und überlässt sein Leben dem Schicksal – er macht seinen Frieden mit dem Lauf der Welt, den keine Intrige und kein Winkelzug aufzuhalten vermögen, wie Barry nach dem Unfalltod seines Sohnes wusste.
Paradoxerweise macht sich diese Weisheit gerade nicht bezahlt, sondern nimmt Barry seinen Reichtum; dennoch könnte der innere Frieden dafür ein guter Tausch gewesen sein, wie zumindest das Schlusswort des Films andeutet: „Es war zu Zeiten George III., in der die genannten Personen lebten und kämpften, gut oder böse, schön oder hässlich, reich oder arm. Jetzt sind sie alle gleich.“ Zuvor weist die letzte, im Jahr 1789 spielende Szene auf die bald stattfindende französischen Revolution hin und auf das Ende der Ära des Adels, wie Barry sie erlebt hat.
Abgesehen von den interessanten inhaltlichen Komponenten beeindruckt Barry Lyndon auch formal – nahezu jede Szene könnte gerahmt in einem Museum hängen und einige tun dies sogar, denn Kubrick ließ sich von zahlreichen Gemälden zu tableau vivants, also bewegten Nachstellungen, inspirieren. Eingerahmt von perfekt akzentuierter klassischer Musik von Vivaldi, Händel und Bach und getrieben von Kubricks Detailbesessenheit, findet Kamermann John Alcott großartige Landschaftsbilder, während die Kostüme und Kulissen über jeden Zweifel erhaben sind und mit barocker Pracht glänzen.
Kubricks markanter Einsatz von leider zu Unrecht aus der Mode gekommenen Zooms gibt Barry Lyndon nicht nur einen ganz eigenen Stil, sondern weist einmal mehr auf die Verwandtheit zu Gemälden hin, wo unser Blick gleichfalls an Details verweilt, um dann wieder die Gesamtheit des Tableaus zu überblicken.