Frauen der Nacht nimmt im Werk von Kenji Mizoguchi eine Ausnahmestellung ein. Der japanische Meisterregisseur bearbeitet einmal mehr sein großes Thema und setzt das leidvolle Leben von Frauen im Patriarchat in Szene. Dieses Mal verschärft Mizuguchi jedoch seinen Tonfall: Geprägt durch den verheerenden Weltkrieg, formulierte er die wütendste Anklage seiner langen Karriere.

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Filmkritik:

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete der Italienische Neorealismus das karge Leben im Nachkriegsitalien in nüchternen Zustandsbeschreibungen ab und beeinflusste damit Filmemacher auf der ganzen Welt. Auch Kenji Mizoguchi übernahm einige Grundtugenden der italienischen Strömung, als er 1948 Frauen der Nacht inszenierte.

Obwohl der Regisseur seinen Film wie die neorealistischen Werke an Originalschauplätzen – in den Trümmern von Osaka – drehte und wie Schuhputzer oder Paisà das hoffnungslose Leben der Unterschicht schildert, bleibt sein Werk doch ein typischer Mizoguchi.

Den semidokumentarischen Stil der Italiener tauscht der Regisseur gegen eine ungleich effektivere Herangehensweise. Mit kräftigen melodramatischen Einschüben erzählt Frauen der Nacht von drei mittellosen Frauen, die im zerstörten Japan täglich ums Überleben kämpfen.

Ein löchriges Dach über dem Kopf und ein wenig Essen müssen reichen, bis das Land wieder zu Kräften kommt und der Wiederaufbau für die nötigen Arbeitsplätze sorgt. Doch so lange halten die Frauen nicht durch: Von Beginn an entfesselt Mizoguchi eine unaufhaltsame Abwärtsspirale und verteilt Schicksalsschläge im Minutentakt.

Das erinnert an Das Leben der Frau Oharu, den der Regisseur einige Jahre später veröffentlichte. Hier verliert die Protagonistin absolut alles – Wohlstand, Liebe, soziales Umfeld und schließlich ihre Menschlichkeit. Zweieinhalb Stunden dauert diese Tour de Force. In Frauen der Nacht genügt Mizoguchi für einen ähnlichen Werdegang eine halbe Stunde, bevor die Protagonistinnen als Prostituierte den Bodensatz der Gesellschaft bilden.

Die komprimierte Erzählweise fußt auf der Knappheit von Budget und Filmmaterial, die Spielzeit beträgt lediglich 75 Minuten und stellt den einzigen Kritikpunkt an Mizoguchis Werk dar. Zwar gelingt es dem Drehbuch dank geschickter Zeitsprünge und eines hohen Tempos, in der kurzen Zeit viel zu erzählen, mit einer längeren Spielzeit könnte der Film seine emotionale Tiefe noch deutlich effektvoller ausspielen.

Obwohl Mizoguchis Handwerkskunst immer wieder aufblitzt, verhinderten die suboptimalen Produktionsbedingungen den elegischen Stil, den der Regisseur sonst so gewissenhaft pflegte. Das minderwertige Filmmaterial vermag ebenfalls nicht zu begeistern, verleiht den Bildern jedoch immerhin einen rohen Look, sodass die visuelle Ebene stetig daran erinnert, dass der Film reale Verhältnisse widerspiegelt.

Wie stark der Einfluss des Weltkrieges sich auf den Tonfall des Regisseurs auswirkt, lässt ein Vergleich zwischen Frauen der Nacht und Mizoguchis Vorkriegswerk Die Schwestern von Gion erkennen. Wo Letzterer das patriarchale System über die gegensätzliche Lebensweise zweier Schwestern auf einer ideologischen Grundlage kritisiert, gibt sich der Filmemacher nach dem Krieg nicht mehr mit abstrahierter Theorie zufrieden.

Auch Frauen der Nacht dreht sich um zwei Schwestern, doch diese stürzt der Autorenfilmer mit harschem Realismus in ihr Unglück. Statt allgemeine Systemfragen zu stellen, breitet Mizoguchi ein unangenehm konkretes Netz aus Machtmissbrauch, Gewalt, Lügen, Amoral, Abtreibungen und Geschlechtskrankheiten vor uns aus.

Seinen Höhepunkt findet Frauen der Nacht im drastischen Finale, das schon die Pinku Eigas – auf Sex und Gewalt ausgerichtete B-Filme – vorwegnimmt und an Seijun Suzukis kunterbuntes Prostituierten-Melodram Gate Of Flesh erinnert. Mizoguchi selbst nannte die finale Gewalteruption seines Films rückblickend „barbarisch“ und führte sie auf die während der Kriegsjahre angesammelte Bitterkeit zurück.

Die eindringliche Wirkung der Szene lässt sich jedoch nicht negieren – die wüste Auseinandersetzung zwei Dutzend Prostituierter in einer Kirchenruine entwickelt eine enorme Kraft und bringt die fortschreitende Verrohung der einstmals fürsorglichen Ehe- und Hausfrauen auf den Punkt. Wie wilde Tiere winden sie sich auf dem Boden, kratzen und beißen einander.

In der letzten Einstellung des Films lässt Mizoguchi die malträtierten Frauen unter einem erhaltenen Buntglasfenster zurück, das die Jungfrau Maria zeigt. Wo die Heiligenikone in jedem anderen Werk des Regisseurs als Symbol für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft stehen würde, wirkt sie in Frauen der Nacht nur noch wie ein ultimativ pessimistisches Mahnmal.

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DER REGISSEUR

Kenji Mizoguchi gehört zu den Meistern des japanischen Films. Geprägt durch Erlebnisse in seiner Kindheit, drehte er zwanzig Jahre lang Werke, in denen Frauen vom Patriarchat unterdrückt werden und in den Traditionen der Gesellschaft gefangen sind. Für seine wütenden Dramen und Historienfilme entwickelte Mizoguchi einen „fließenden“ Inszenierungsstil, der besonders durch die elegante Kameraarbeit zur Geltung kommt.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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