Katzelmacher

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Filmkritik:

Rainer Werner Fassbinder drehte seine radikal reduzierte Gesellschaftskritik Katzelmacher in nur neun Drehtagen als Reaktion auf die gemischte Resonanz der Berlinale-Kritiker auf seinen Debütfilm Liebe ist kälter als der Tod und trat damit nachdrücklich den Beweis an, neben seiner Liebe für das große amerikanische Kino auch eigene Themen verarbeiten zu können.

Mit den Mitteln seines Antiteaters, in dem Katzelmacher zuvor als Stück aufgeführt wurde, zeichnet Fassbinder das Bild einer vollkommen erstarrten Welt. Er reduziert sein München radikal auf eine Häuserwand mit Geländer, auf dem eine kleine Gruppe junger Erwachsener den Großteil ihres Tages verbringt. Es handelt sich um eine Zweckgemeinschaft aus Spießbürgern, die in ständig wechselnden Konstellationen Tratsch und Gerüchte verbreiten, ihre Neugierde befriedigen und über Abwesende herziehen.

Wie dysfunktional diese Clique tatsächlich ist, veranschaulicht Katzelmacher gekonnt an ihrem Duktus. Die Kommunikation wirkt – selbst für die Verhältnisse des vom Theater geprägten Fassbinder – gestelzt und künstlich. Gesprochen wird eine künstliche Variation des Bayrischen, die mit ihren doppelten Verneinungen und sprachlichen Fehlern das schlichte Gemüt der Figuren illustriert. Fassbinder stellt die sozialen Defizite der Protagonisten noch stärker heraus, indem er sie ihre einfach gestrickten Aussagesätze aneinander vorbei sagen lässt und ihrer Sprache alles Melodische austreibt – die Monotonie des Lebens spiegelt sich hier im verbalen Umgang wieder.

Hinter der strengen Form, deren Sperrigkeit auch vom Publikum erst einmal überwunden werden muss, offenbart Fassbinder die wahre Natur dieser Bigotterie: Die niedere Neugierde auf die Laster ihrer Mitmenschen und die fortlaufende Beurteilung, ob sich deren Verhalten schickt oder nicht, dient als Ventil für die eigenen Unzulänglichkeiten. In der Gruppe wird der Anstand hochgehalten, allein geben sich die Protagonisten jedoch ihren Sünden hin und entlarven die öffentliche Gruppenmeinung als scheinheilige Doppelmoral.

Doch Katzelmacher eignet sich nicht nur als allgemeingültige und unangenehm präzise Milieustudie, die uns den Spiegel vorhält, sondern steigert das Geschehen noch durch die Einführung eines von Fassbinder selbst gespielten griechischen Gastarbeiters, der ohne eigenes Zutun die gesamte Gruppe gegen sich aufbringt. Gekonnt illustriert Katzelmacher im Kleinen, wie aus Bigotterie Faschismus entsteht, indem er die Entwicklung der kleingeistigen Gruppenmeinung beobachtet. Die Unzufriedenheit des Einzelnen kulminiert in einer feindseligen Gruppenmeinung, die sich plötzlich geschlossen gegen den Fremden richtet und so die eigenen Unzulänglichkeiten verdrängt.  Von Vorurteilen und persönlichen Diffamierungen über dreiste Lügen bis hin zu körperlicher Gewalt zeichnet Fassbinder das bedrückende Bild einer deutschen Spießbürgergesellschaft, die sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch lange nicht von faschistischem Gedankengut losgesagt hat.

Mit seiner so zeitlosen wie effektvollen äußeren Form, der starken Beobachtungsgabe und den daraus abgeleiteten unangenehmen Schlussfolgerungen setzte Fassbinders zweites Werk ein markantes Ausrufezeichen und vereint bereits all jene Elemente, die auch die späteren Arbeiten des Autorenfilmers so sehenswert machen.

Handlung:

Marie gehört zu Erich. Paul schläft mit Helga. Peter lässt sich von Elisabeth aushalten. Rosi treibt es für Geld mit Franz. Im Hinterhof, auf dem Spielplatz, in ihren Wohnungen treffen sie sich – einzeln, paarweise oder die ganze Gruppe: Sie öden sich an, trinken, langweilen sich und werden aggressiv… Als Jorgos, ein Gastarbeiter aus Griechenland, in ihre Welt einbricht, löst er mit seinem „nix verstehn“ Potenzneid und Aggressionen aus…

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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