Die Theaterverfilmung Glengarry Glen Ross imponiert mit einer Spitzenbesetzung und brillanten Dialogen. Die kammerspielartige Atmosphäre strotzt nur so vor Pessimismus und formuliert einen galligen Abgesang auf den modernen Raubtierkapitalismus.

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Filmkritik:

Anstatt den Stoff für die Filmadaption umzuwälzen, stellt Glengarry Glen Ross seine Bühnenherkunft selbstbewusst heraus – immerhin gewann das Stück von David Mamet, der auch das Drehbuch für die Verfilmung schrieb, 1984 den Pulitzerpreis. Dementsprechend gibt sich der Film ganz seinem Dialogfluss hin, verzichtet auf inszenatorisches Tamtam und begnügt sich mit einer Bar und dem Büro einer Immobilienfirma als Handlungsort.

In diesem Büro taucht an einem verregneten Nachmittag Alec Baldwin als bigotter, aus der Firmenzentrale entsandter Manager auf und dominiert den Beginn mit einem donnernden Monolog. Mehrere Minuten lang macht der die Verkäufer der Außenstelle zur Schnecke und verkündet schließlich eine Hiobsbotschaft: Wer bis zum Ende der Woche keine Grundstücke verkauft hat, wird gefeuert. Nach diesem denkwürdigen Kurzauftritt verschwindet Baldwin aus dem Film und lässt uns mit den verbitterten Vertretern allein, die sich nun einem existenziellen Druck ausgesetzt sehen.

Getragen von einer stimmungsvollen Jazzmusik, fängt Glengarry Glen Ross die Bemühungen der Protagonisten über die Dauer eines Abends und des darauffolgenden Vormittags ein. Die Arbeit von Regisseur James Foley setzt weniger auf eine ausgefeilte Handlung, sondern badet in seiner nihilistischen Stimmung und erzählt seine Geschichte gänzlich über die Charaktere.

Nach Baldwins furiosem Monolog zum Auftakt werden wir Zeuge von der Resignation von Jack Lemmons älterem Verkäufer mit einer Pechsträhne, eines hypnotischen Verkaufsgesprächs von Al Pacinos Figur und einer absurden Dialogszene, in der sich Ed Harris und Alan Arkin in stakkatoartiger Geschwindigkeit Stichwörter zuwerfen. Jedes Mitglied der Starbesetzung bekommt seine herausragende Einzelszene mit entsprechendem Dialog, einzig der damals erst am Beginn seiner Karriere befindliche Kevin Spacey erhält wenig Raum.

Da Glengarry Glen Ross seinen Protagonisten als Kammerspiel keinen physischen Raum gewährt, bietet sich den Figuren keine Möglichkeit, aus ihrer misslichen Lage auszubrechen; die aufgestauten Emotionen finden kein Ventil, sondern fressen sich zunehmend tiefer in die Charaktere. Das verregnete New York und der allgegenwärtige Fatalismus wecken Erinnerungen an den Film Noir, der ebenfalls oft die Kehrseite des American Dream herausstellt.

Glengarry Glen Ross zeichnet ein albtraumhaftes Bild des Neoliberalismus: Mitarbeiter verkommen hier zu austauschbaren Sklaven eines anonymen Konzerns; ihr Geschäft besteht nicht in Wertschöpfung, sondern Ausbeutung. Doch obwohl dies den Verkäufern bewusst ist, können sie sich nicht aus diesem Hamsterrad befreien, sodass ihnen bloß noch der Zynismus bleibt. Wie der Film die Symptome des Raubtierkapitalismus beschreibt, erweist sich als zeitlos – solange wir in diesem System leben, fungiert Glengarry Glen Ross als bedrückendes Mahnmal.

Bei seiner Veröffentlichung fiel Foleys Werk sowohl bei den Kinogängern als auch bei den Kritikern durch. Der offenkundigen literarischen Qualität zum Trotz störten sich die Zuschauer an der ruppigen Stimmung und der schmucklosen Inszenierung. Glengarry Glen Ross lässt sich tatsächlich als altmodisches Dialogkino beschreiben, füllt diesen Stil jedoch im besten Sinne aus: Er gibt uns die Gelegenheit, in kunstvollen Dialogen und großem Schauspiel zu schwelgen. Insbesondere Jack Lemmon liefert am Ende seiner langen Karriere noch mal eine fantastische – vielleicht sogar seine beste – Darstellung ab.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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