In seinem zweiten Werk Calamari Union formuliert Aki Kaurismäki eine Ode an die Sinnlosigkeit und wagt einen Seitenhieb gegen Filmkunst, die sich zu wichtig nimmt. Die Groteske des finnischen Autorenfilmers sprüht nur so vor lakonischer Coolness und entpuppt sich als skurriles Kleinod mit besonderem Charme.

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Filmkritik:

Calamari Union beginnt in einer Bar: Hier treffen sich 15 Männer namens Frank. Die Lage ist klar: Sie müssen raus aus Kallio. Das Arbeiterviertel Helsinkis beherbergt zu viele ignorante Menschen, außerdem sind die Busse zu unpünktlich. Die Franks beschließen, in den Stadtteil Eira umzusiedeln, wo die Straßen weit und die Luft noch frisch ist.

Der Film fängt die Reise ans andere Ende der Stadt in abstrusen Episoden ein. Die Franks teilen sich auf und laufen sich doch ständig über den Weg. Kaum einer wird Eira erreichen – feministische Friseurinnen, mordlustige Köche und schießwütige Sekretärinnen dezimieren die Franks in irrwitzigen Situationen; Verhaftungen, Selbstmord und Affären mit Frauen besorgen den Rest.

Schon für sein Debüt, die Dostojewski-Adaption Crime And Punishment, erntete Kaurismäki Preise, was dem uneitlen Finnen zu denken gab. Um sich nachhaltig von der Erwartungshaltung der Fans und Kritiker zu befreien, entschied der Regisseur, einen möglichst absonderlichen Film zu drehen.

Kaurismäki reichte sein abstruses Projekt gar nicht erst zur Filmförderung ein; er arbeitete mit kleinem Budget und ohne Drehbuch. Das weitestgehend improvisierte Geschehen besteht aus nur lose miteinander verbundenen Szenen wie dieser:

Ein Auto fährt durchs Bild, mit einem Frank auf der Motorhaube. Dann öffnet sich ein Gullydeckel, ein anderer Frank steigt heraus. Er schaut nach oben und begrüßt einen Frank, der auf einem Baum sitzt. Sie gehen einen Kaffee trinken. Im Café wandern zwei weitere Franks ins Bild und ein dritter kriecht kommentarlos unter dem Tisch hervor. Nach einem kurzen Dialog geht wieder jeder seiner Wege.

Der genüsslich ausgestellte Dadaismus von Calamari Union zielt auf alle Instanzen des Kinos. Zu Beginn widmet Kaurismäki seinen Film gleich mal Baudelaire, Michaux und Prévert – das kann ernst gemeint sein, ich interpretiere es jedoch eher als satirischen Verweis auf Regisseure, die sich bedeutungsvoll geben.

Damit bestätigt der Autor dieser Zeilen zugleich den Regisseur, der es nicht nur auf Filmschaffende, sondern auch auf interpretationswütige Kritiker abgesehen hat. Mit seinen Absonderlichkeiten legt Kaurismäkis Werk zig Köder aus, um je nach Gusto (über)interpretiert werden zu können – als Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, der Globalisierung, der fehlenden nationalen Identität Finnlands, dem anonymen Großstadtleben, der Korruption von Idealen durch Geld und Sex.

Retrospektiv betrachtet, weist Calamari Union typische Merkmale aus dem Schaffen des finnischen Regisseurs auf. Wie in seinen späteren Filmen widmet sich Kaurismäki gesellschaftlichen Außenseitern aus einfachen Milieus, die sich selbst finden müssen und eine Utopie ersehnen, die für andere Menschen zur täglichen Normalität gehört.

Dennoch verkommt Calamari Union zu keinem Zeitpunkt zu einem experimentellen Werk, das nur anhand seiner Meta-Ebene genossen werden kann. Trotz der offensichtlichen Sinnlosigkeit des Geschehens macht Kaurismäkis 81 Minuten kurzer Film schlichtweg einen Heidenspaß.

Die stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bilder und die musikalische Untermalung aus Jazz und Rock ’n’ Roll sorgen eine gediegene Atmosphäre. Dazu tragen auch die Franks bei, die gerade wegen ihres skurrilen Auftretens sympathisch wirken. Sie rauchen wie Schlote und tragen zu ihren Lederjacken und Trenchcoats eine Sonnenbrille – auch nachts.

Paradoxerweise entwickelt Calamari Union eine irrsinnige Komik, weil Kaurismäki seine obskure Geschichte vollkommen humorlos erzählt. Der Regisseur angelt nicht nach Lachern, sondern erzeugt den Witz aus dem Kontrast zwischen dem absurden Geschehen und der trockenen Präsentation. Ein Vorgehen, das rund 20 Jahre später durch Filmemacher wie Roy Andersson oder Yorgos Lanthimos wieder in Mode kam.

In seinen besten Momenten profitiert Kaurismäkis Film von einer verqueren inneren Logik, die uns Zuschauern nie erklärt wird. So können sich die Protagonisten gegenseitig perfekt auseinanderhalten – selbst verbal: Wenn ein Frank einen anderen Frank fragt, ob er Frank gesehen habe, dann weiß dieser Frank, welchen der Franks Frank meint.

Außerdem begegnen die Helden selbst den größten Widrigkeiten des Lebens mit lakonischem Gleichmut. So sinnlos Calamari Union auch anmutet, können wir doch zumindest das von den Franks lernen.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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