Der Informant! beginnt wie eine gewöhnliche Krimikomödie, doch der erste Eindruck trügt – der Film von Steven Soderbergh gibt sich zunächst unscheinbar, um dann hinterrücks sein Publikum zu überfallen.

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Filmkritik:

Soderberghs Werk basiert auf einer wahren Begebenheit: In den Neunziger Jahren beschaffte ein ranghoher Mitarbeiter des Pharmakonzerns ADM freiwillig Insiderinformationen für das FBI und verstrickte sich dabei in seinen laienhaften Ermittlungen. Anstatt diese Geschichte biographiegetreu nachzubuchstabieren, bedient sich Soderbergh eines genialen Clous, der uns Zuschauer gewieft miteinbezieht.

Zunächst lullt uns Soderbergh gekonnt ein und schafft ein Wohlfühlklima: Statt in den Neunziger Jahren spielt der Der Informant! in einer Bilderbuchwelt, deren Interieurs und Kostüme eher an die Siebziger erinnern, wodurch sich der Film einer zeitlichen Verortung entzieht und einen altbackenen Charme gewinnt.

Soderberghs Regie knüpft dort an und schildert die linkischen Spionageversuche seines Protagonisten beschwingt und leichtfüßig, was an klassische „Räuber und Gendarm“-Filme und dessen jüngsten Vergegenwärtigungen, wie beispielsweise Steven Spielbergs Catch Me If You Can erinnert. Die gefällige Inszenierung trägt in sich das Versprechen, mit bewährten Mustern eine archetypische Geschichte zu erzählen und vermittelt das Gefühl, sich entspannt zurücklehnen zu können.

Daran trägt auch die unterhaltsame Vortragsweise ihren Anteil. Das Drehbuch fährt zwar nur selten offenkundige Gags auf, etabliert jedoch geschickt eine ironische Konnotierung. Der fröhliche Score von Marvin Hamlisch entpuppt sich hierfür als Trumpf, weil er oft gar nicht zum Geschehen passt und den Bildern durch die auditive Kadrage eine doppelte Bedeutung verleiht.

Doch nicht nur die Musik wirkt immer etwas neben der Spur, auch Hauptdarsteller Matt Damon stürzt sich mit großem Eifer in seine herrlich verquere Rolle. Nicht wenige Kritiker legten Damons Spielfreude als Overacting aus, doch diese Ansicht geht am Kern des Films vorbei – Damon spielt einen Mann, der gleichsam eine Rolle spielt; weil der Protagonist Mark Whitacre jedoch ein schlechter Schauspieler ist, erweisen sich Damons wunderbar pointierte Manierismen als angemessen.

Während wir uns über den zunehmend konfuser agierenden Whitacre amüsieren, schlägt die große Stunde des Films. Im Gegensatz zu ähnlichen Werken wie etwa Burn After Reading, die ihre Figuren aus- und bloßstellen, ist in Der Informant! mit einem Mal der Zuschauer der Dumme!

Wir hätten es kommen sehen können: Zu oft verzettelt sich der Held in seine Geschichten, doch allzu leicht wischt die launige Narration mit ihrem ach so sympathischen Voice-Over unsere Zweifel beiseite, zu sehr vertrauen wir den bunten Retrobildern und dem dusseligen Spiel der Darsteller. Erst zum Ende hin offenbart Der Informant!, das sämtliche Bilder, Töne und Informationen durch das Ego des vorgeblichen Helden gefiltert wurde, dass der komplette Film eine Mark-Whitacre-Fantasie ist.

Doch selbst mit dieser Erkenntnis bietet Soderbergh dem Publikum kein erleichtertes Aufseufzen, keine validierbaren Fakten, sondern bekennt sich klar zur (Kino)Lüge, lässt die Zuschauer einfach sitzen und macht sich dreist vom Acker. Anstatt das Wesen eines Betrügers nur erklärt zu bekommen, erleben wir den Betrug am eigenen Leib.

Das mag wenig mainstreamkompatibel erscheinen und nicht vollends befriedigen, doch wie oft gelingt es einem Film, uns so gekonnt zu involvieren? Mit Der Informant! ist Steven Soderbergh ein ungewöhnliches Kleinod geglückt.

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Die Komödie zählt zu den Grundfesten des Kinos und funktioniert – wie auch der Horrorfilm – affektgebunden. Deshalb bringt uns der Slapstick aus den Stummfilmen von Charlie Chaplin genauso zum Lachen wie die rasenden Wortgefechte der Screwball-Komödien aus den Dreißiger Jahren, die spleenigen Charaktere von Woody Allen oder die wendungsreichen Geschichten von Billy Wilder.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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