Mit der starbesetzten Groteske Burn After Reading treiben die Gebrüder Coen ihre Vorliebe für absurde Krimis auf die Spitze und liefern ein halbes Dutzend Figuren der eigenen Beschränktheit aus.

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Filmkritik:

Humorvoll konnotierte Kriminalfilme mit einfachen Leuten als Protagonisten besitzen bei den Coens eine lange Tradition und reichen bis zu ihrem Frühwerk zurück. Wo die Brüder in Blood Simple oder Fargo aber trotz einiger Absurditäten mit einem ordnenden Genrefilmanteil für erzählerische Kohärenz sorgten, zelebriert Burn After Reading das Gegenteil.

Angeschoben von einem letztlich unwichtigen McGuffin, ordnen die Coens ihre Charaktere mit großem Vergnügen um ein erzählerisches Loch herum an und lassen sie orientierungslos durch die Geschichte stolpern.

Über weite Strecken bringen Ethan und Joel Coen ihre typischen Stärken aufs Tapet, ändern jedoch eine wesentliche Zutat an ihrem Erfolgsrezept: Wo insbesondere Fargo von seiner Sympathie zu den einfachen Leuten lebt und ihre Schwächen liebevoll beschreibt, führt Burn After Reading seine Protagonisten regelrecht vor und überzeichnet sie bis an die Grenzen der Karikatur.

Das macht zunächst einmal viel Spaß, weil die sonst so aalglatten Superstars wie Brad Pitt und George Clooney herrlich changieren und ihre debilen Rollen mit Freude an der eigenen Uneitelkeit verkörpern. Im weiteren Verlauf verwundert das unübliche Vorgehen aber schon – warum stehen die Brüder ihren Figuren negativer als gewohnt gegenüber?

Die Coens greifen auf Karikaturen zurück, weil es hier ausnahmsweise nicht um die Figuren selbst geht, sondern um das, wofür sie stehen. Nicht zufällig spielt Burn After Reading in der US-Hauptstadt Washington: In der Welt des Films reden alle viel und planen noch mehr, tun jedoch gar nichts oder das Falsche. Geld und Sex verkommen zur Ware houellebecqscher Prägung, keine der im Film gezeigten Beziehungen zwischen Mann und Frau basiert auf Liebe und Zuneigung, sondern gleicht einer Bedarfsgemeinschaft.

Insbesondere die Figuren von George Clooney und Tilda Swinton sprechen Bände über eine Generation Beziehungsunfähiger, die zwischen anspruchsvollen Jobs und oberflächlicher Bedürfnisbefriedigung keinerlei echte Lebensqualität mehr finden kann und sich an Belanglosem aufreibt, bis eine Mid-Life-Crisis ihnen die eigenen Unzulänglichkeiten vor Augen führt. Wohl kein Werk der Coens erscheint derart gesellschaftskritisch wie Burn After Reading.

Eine bloße Satire auf den American Way Of Life mit seinem Turbokapitalismus ist Burn After Reading dennoch nicht geworden; zu deutlich erfreuen sich die Coens an dem sich verselbstständigendem Plot, der einige wunderbare Verwicklungen zutage fördert und sich gänzlich unvorhersehbar entwickelt.

Die Spielfreude der Darsteller und einige brüllend komische Dialogsequenzen tragen ihren Teil zum hohen Unterhaltungswert des Films bei. Im letzten Drittel deuten die Coens ihren geliebten Fatalismus an und lassen sogar einen Star via Kopfschuss über die Klinge springen. Ein Großteil des blutigen Treibens wird jedoch nicht gezeigt, sondern in einem memorablen Schlussdialog transportiert.

Hier verschreibt sich Burn After Reading dann doch ganz der heiteren Komödie über die absurden Unerwägbarkeiten des modernen Menschseins.

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Die Komödie zählt zu den Grundfesten des Kinos und funktioniert – wie auch der Horrorfilm – affektgebunden. Deshalb bringt uns der Slapstick aus den Stummfilmen von Charlie Chaplin genauso zum Lachen wie die rasenden Wortgefechte der Screwball-Komödien aus den Dreißiger Jahren, die spleenigen Charaktere von Woody Allen oder die wendungsreichen Geschichten von Billy Wilder.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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