Der Tod eines Bürokraten

Genre: Komödie

 

 | Erscheinungsjahr: 1966

 | Jahrzehnt: 1960 - 1969

 | Produktionsland: Kuba

 

Die 83 Minuten kurze Satire Der Tod eines Bürokraten nimmt das postrevolutionäre Kuba aufs Korn und zeigt anhand der Bürokratie des jungen Staates, wie wenig von der angestrebten sozialistischen Freiheit bei den Bürgern ankommt. Aufgrund einer Vielzahl origineller Ideen und zahlreicher Anleihen bei filmischen Vorbildern gestaltet sich die Reise durch das kafkaeske bürokratische Labyrinth höchst vergnüglich.

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Filmkritik:

Der Film startet an einem Endpunkt: Bei der Beerdigung eines Helden der Arbeit, wie der Grabredner mit viel Pathos proklamiert. Als Symbol für seine Schaffenskraft wurde dem Verblichenen sogar sein Arbeitsbuch mit ins Grab gegeben. Doch eben jenes Dokument fehlt der Ehefrau des Verstorbenen am folgenden Tag, um den Anspruch auf ihre Witwenrente zu begründen.

Ihr Neffe springt in die Bresche und versucht, seiner Tante zu ihrem Recht zu verhelfen. Dabei stolpert er über nahezu jede Hürde, die ihm die kubanische Bürokratie in den Weg stellt. Seine orientierungslose Jagd nach den heiligen Insignien der Bürokratie – Formularen, Stempeln, Unterschriften – erinnert an die Werke Franz Kafkas. Tomás Gutiérrez Alea versteht es wie der Schriftsteller, existenzielle Probleme und tragikomischen Humor zu vereinen.

Dafür greift der Regisseur auf eine große komödiantische Bandbreite zurück: Auf physischen Humor, wenn sich der Protagonist in Wandschränken versteckt, an Außenfassaden klettert oder in Massenschlägereien gerät; auf verbale Scharmützel, surrealistische Traumsequenzen und die filmische Meta-Ebene, wenn er die Geschwindigkeit des Films erhöht oder dokumentarische Animationen einsetzt.

Der originelle Stilmix verleiht Der Tod eines Bürokraten eine gewisse Unvorhersehbarkeit und sorgt für Abwechslung. Ganz im Sinne der Bürokratie hält Alea die vielfältigen Einflüsse auf sein Werk ordnungsgemäß im Vorspann fest: Ein Schreibmaschinenbericht notiert die Namen aller Beteiligten und huldigt einem Dutzend Filmschaffender: Von Buster Keaton, Harold Lloyd sowie Laurel & Hardy über Luis Buñuel und Ingmar Bergman bis zu Akira Kurosawa und Orson Welles.

Inzwischen besitzt Tomás Gutiérrez Alea selbst einen guten Ruf, prägte er doch das kubanische Kino wie kein Zweiter. Nach der Revolution gründete Alea das kubanische Filminstitut mit und drehte im Verlauf seiner vier Jahrzehnte umspannenden Karriere diverse nationale Klassiker, von denen Der Tod eines Bürokraten sowie Erinnerungen an die Unterentwicklung zu den wichtigsten zählen. Damit steht der Regisseur auch in der vordersten Reihe des sogenannten Dritten Kinos, unter dessen Banner in postkolonialen Staaten an einer politischen und gesellschaftlichen Neuausrichtung gearbeitet wurde.

Da Der Tod eines Bürokraten ein vom Staat produziertes Werk ist, steht die humoristische Unterhaltung an erster Stelle, doch über die spielerische Inszenierung als Träger konnte Alea eine gehörige Portion politischen Gehalts unterbringen. Sieben Jahre nach der Revolution, die Diktator Fulgencio Batista stürzte und eine neue Freiheit proklamierte, zeichnet der Film die Kubaner alles andere als frei.

Die praktische, weit abseits der politischen Ebene stattfindende Bürokratie unterscheidet sich mutmaßlich kaum von ihrem Pendant unter der Diktatur. Nach wie vor verfügt der Staat über seine Bürger, die auf Nummern und Aktenzeichen reduziert werden. Da die marxistisch-leninistische Führung die individuellen Probleme der Bürger nicht zu lösen vermag, funktioniert die Bürokratie als Bollwerk – was nicht ins System passt oder gar aktiv die starren Abläufe stört, darf nicht existieren und wird bearbeitet, geschoben, zermahlen, bis es die heile Welt des neuen Kubas nicht mehr zu gefährden vermag.

★★★★☆☆

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1960 – 1969

Die Sechziger Jahre zählen zu den revolutionärsten Jahrzehnten der Kinogeschichte. Mehrere Strömungen – die neuen Wellen – verschoben künstlerische Grenzen und modernisierten die Filmsprache. Viele Regisseure ließen die themen der vorherigen Generationen hinter sich und drehten freiere, gesellschaftskritischere Werke.

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