Der Film versammelt rund 20 Mitglieder der High Society zu einem Abendessen in einer Villa und kippt das Szenario durch einen irrwitzigen Winkelzug. Als die ersten Gäste nach Hause gehen wollen, hindert eine unsichtbare Wand sie daran – niemand kann das Esszimmer verlassen. Aus Gründen der Etikette überspielen die Großbürger ihr Dilemma und betten sich zur provisorischen Nachtruhe. Doch am nächsten Morgen lässt sich das Offensichtliche nicht mehr leugnen.
Die kultivierten Posen bekommen erste Risse, als die Protagonisten die kostbaren Vasen in einem Wandschrank zweckentfremden, um ihre Notdurft zu verrichten. Der Würgeengel nimmt seinen Protagonisten den Deckmantel der guten Manieren und entblößt sie damit zwangsläufig. Die unsichtbare Wand nimmt den Großbürgern alles, was sie vom „Pöbel“ unterscheidet. Menschliche Wertkonstrukte wie Reichtum und Titel verblassen in dieser Zwangslage, die Biologie hingegen nicht. Essen, Trinken, Defäkation, Krankheit und Sex bestimmen die folgenden Tage in Gefangenschaft.
Zu diesen animalischen Elementen gesellt sich bald ein weiteres: Die Revierkämpfe. Die gefangenen Gäste besinnen sich auf ihre erprobte Bigotterie: Sie streiten die eigene Verantwortung ab und schieben einander die Schuldfrage zu. Eine Lagerbildung setzt ein, es kommt zu Gewalt. Die Anwesenden verabscheuen einander immer mehr, weil ihre Mitgefangenen die eigenen Makel spiegeln. Das weckt Assoziationen zu Jean-Paul Sartres ähnlich gelagertem Theaterstück Geschlossene Gesellschaft: „Die Hölle sind die anderen.“
Ein Beispiel für die vielen treffend beobachteten Details des Films: In der Stunde größter Not richten einige der Großbürger ihren Blick nach oben und hoffen auf eine Rettung durch Gott. Bezeichnenderweise bieten sie ihm nicht ihren aufrichtigen Glauben, sondern nur ihre Spendengelder.
Der Würgeengel zählt zu den letzten Vertretern aus Buñuels mexikanischer Phase. Der Regisseur erhielt von seinem Produzenten völlige künstlerische Freiheit und nutzt diese für einige Sperenzien. Dass etwas in der herrschaftlichen Villa im Argen liegt, deutet Buñuel gleich zu Beginn des Films an, wenn er eine Szene schlichtweg wiederholt. Wie Jahrzehnte später in Matrix, senden derartige Déjà-vus auch hier ein Signal. Buñuel lässt uns wissen, dass wir nicht nur Zuschauer, sondern Bestandteil des Spiels sind.
Neben den nonchalanten Kontinuitätsfehlern und Dopplungen bleibt vor allem die wirkungsvolle Mise en scène in Erinnerung. Obwohl Der Würgeengel mit nur einem Zimmer als Schauplatz auskommen muss, entsteht keine visuelle Langeweile. Die mit dezenter Eleganz geführte Kamera trägt das Geschehen und sorgt mit zahlreichen Perspektivverschiebungen für Abwechslung. Wie schon in seinem Drama Die Vergessenen spendiert Buñuel einmal mehr eine sehenswerte (Alb)Traumsequenz, die an seine surrealistischen Anfänge erinnert.
Im letzten Drittel wirkt Der Würgeengel unentschlossen und droht zu stagnieren, die Auflösung der Situation funktioniert dann aber ganz passabel. Die finale Sequenz bringt den Film mit einem schönen Bonmot zu Ende. Die befreiten Protagonisten versammeln sich in einer Kirche und werden dort erneut von einer unsichtbaren Wand festgesetzt. Buñuel entlässt uns mit dem schelmischen Gedanken, dass die ganze Welt ein Esszimmer sein kann.