Da Der Würgeengel in Deutschland jahrelang unveröffentlicht blieb, zählt das mexikanische Kammerspiel hierzulande zu den unbekannteren Arbeiten von Luis Buñuel. Zu Unrecht: Die garstige Farce filetiert die Bour­geoi­sie nach allen Regeln der Kunst und benötigt dazu lediglich einen abstrakten kleinen Trick.

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Filmkritik:

Der Film versammelt rund 20 Mitglieder der High Society zu einem Abendessen in einer Villa und kippt das Szenario durch einen irrwitzigen Winkelzug. Als die ersten Gäste nach Hause gehen wollen, hindert eine unsichtbare Wand sie daran – niemand kann das Esszimmer verlassen. Aus Gründen der Etikette überspielen die Großbürger ihr Dilemma und betten sich zur provisorischen Nachtruhe. Doch am nächsten Morgen lässt sich das Offensichtliche nicht mehr leugnen.

Die kultivierten Posen bekommen erste Risse, als die Protagonisten die kostbaren Vasen in einem Wandschrank zweckentfremden, um ihre Notdurft zu verrichten. Der Würgeengel nimmt seinen Protagonisten den Deckmantel der guten Manieren und entblößt sie damit zwangsläufig. Die unsichtbare Wand nimmt den Großbürgern alles, was sie vom „Pöbel“ unterscheidet. Menschliche Wertkonstrukte wie Reichtum und Titel verblassen in dieser Zwangslage, die Biologie hingegen nicht. Essen, Trinken, Defäkation, Krankheit und Sex bestimmen die folgenden Tage in Gefangenschaft.

Zu diesen animalischen Elementen gesellt sich bald ein weiteres: Die Revierkämpfe. Die gefangenen Gäste besinnen sich auf ihre erprobte Bigotterie: Sie streiten die eigene Verantwortung ab und schieben einander die Schuldfrage zu. Eine Lagerbildung setzt ein, es kommt zu Gewalt. Die Anwesenden verabscheuen einander immer mehr, weil ihre Mitgefangenen die eigenen Makel spiegeln. Das weckt Assoziationen zu Jean-Paul Sartres ähnlich gelagertem Theaterstück Geschlossene Gesellschaft: „Die Hölle sind die anderen.“

Ein Beispiel für die vielen treffend beobachteten Details des Films: In der Stunde größter Not richten einige der Großbürger ihren Blick nach oben und hoffen auf eine Rettung durch Gott. Bezeichnenderweise bieten sie ihm nicht ihren aufrichtigen Glauben, sondern nur ihre Spendengelder.

Der Würgeengel zählt zu den letzten Vertretern aus Buñuels mexikanischer Phase. Der Regisseur erhielt von seinem Produzenten völlige künstlerische Freiheit und nutzt diese für einige Sperenzien. Dass etwas in der herrschaftlichen Villa im Argen liegt, deutet Buñuel gleich zu Beginn des Films an, wenn er eine Szene schlichtweg wiederholt. Wie Jahrzehnte später in Matrix, senden derartige Déjà-vus auch hier ein Signal. Buñuel lässt uns wissen, dass wir nicht nur Zuschauer, sondern Bestandteil des Spiels sind.

Neben den non­cha­lanten Kontinuitätsfehlern und Dopplungen bleibt vor allem die wirkungsvolle Mise en Scène in Erinnerung. Obwohl Der Würgeengel mit nur einem Zimmer als Schauplatz auskommen muss, entsteht keine visuelle Langeweile. Die mit dezenter Eleganz geführte Kamera trägt das Geschehen und sorgt mit zahlreichen Perspektivverschiebungen für Abwechslung. Wie schon in seinem Drama Die Vergessenen spendiert Buñuel einmal mehr eine sehenswerte (Alb)Traumsequenz, die an seine surrealistischen Anfänge erinnert.

Im letzten Drittel wirkt Der Würgeengel unentschlossen und droht zu stagnieren, die Auflösung der Situation funktioniert dann aber ganz passabel. Die finale Sequenz bringt den Film mit einem schönen Bonmot zu Ende. Die befreiten Protagonisten versammeln sich in einer Kirche und werden dort erneut von einer unsichtbaren Wand festgesetzt. Buñuel entlässt uns mit dem schelmischen Gedanken, dass die ganze Welt ein Esszimmer sein kann.

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DER REGISSEUR

Das Schaffen von Luis Buñuel umfasst 48 Jahre und brachte unzählige Klassiker hervor. Die Filme des spanischen Regisseurs zeichnen sich durch geistreiche Ironie und scharfe Gesellschaftskritik aus. Mit seinen Anklagen gegen die Bourgeoisie und die Kirche sorgte Buñuel für Kontroversen, die er durch seine oft surrealistischen Inszenierungen noch verstärkte.

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Die Komödie zählt zu den Grundfesten des Kinos und funktioniert – wie auch der Horrorfilm – affektgebunden. Deshalb bringt uns der Slapstick aus den Stummfilmen von Charlie Chaplin genauso zum Lachen wie die rasenden Wortgefechte der Screwball-Komödien aus den Dreißiger Jahren, die spleenigen Charaktere von Woody Allen oder die wendungsreichen Geschichten von Billy Wilder.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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