Der Kandidat

Ein Film von Franklin J. Schaffner

Genre: Drama

 

 | Erscheinungsjahr: 1964

 | Jahrzehnt: 1960 - 1969

 | Produktionsland: USA

 

Der Kandidat entwarf bereits 50 Jahre vor House of Cards eine Innenansicht der amerikanischen Politik. Die Theateradaption verdichtet den Machtkampf innerhalb einer Partei zu einem allgemeingültigen Gedankenspiel zum Thema und liefert nebenbei im besten Sinne altmodische Unterhaltung.

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Filmkritik:

Der Kandidat spielt an einem einzigen Tag, dem wichtigsten im Leben zweier Politiker: Beide treten an, um von ihrer Partei zum Präsidentschaftskandidaten ernannt zu werden. Der Film zeigt die Machtkämpfe hinter den Kulissen und legt großen Wert auf die Beschreibung der beiden gegensätzlichen Kandidaten. Er benutzt ihre Differenzen, um im größeren Maßstab über die Möglichkeiten menschengemachter Politik und das Wesen von Verantwortung nachzudenken.

Franklin J. Schaffner startete seine Regiekarriere beim Fernsehen, gewann drei Emmys und schaffte anschließend den Sprung ins Kino. Bevor er ab 1968 mit seiner „P-Trilogie“ (Planet der Affen, Patton, Papillon) Kassenschlager in Serie drehte, arbeitete er an eine Reihe von kleineren Filmen. Schaffners inszenatorische Souveränität kommt bereits in Der Kandidat zum Tragen, obwohl die filmische Ausgestaltung nur eine untergeordnete Rolle spielt – der Film wird ganz vom Geist Gore Vidals durchdrungen.

Als einer der großen amerikanischen Intellektuellen seiner Zeit arbeitete Vidal an allen Fronten: Er trat regelmäßig im Fernsehen auf, schrieb Sachbücher und Biografien, Essays und Romane, Drehbücher und Theaterstücke. Der Kandidat beruht auf einem erfolgreichen Broadway-Stück Vidals, das er selbst zu einem Film-Drehbuch adaptierte.

Zwar erweist sich Der Kandidat als weniger komplex als Otto Premingers zwei Jahre zuvor veröffentlichter Referenzfilm Sturm über Washington, wie dieser nahm er jedoch auch jene Elemente vorweg, die Jahrzehnte später House of Cards so populär machen sollten.

Vidal wirft einen spannenden Blick hinter die Kulissen der Macht: Die beiden konkurrierenden Politiker müssen sich zunächst die Unterstützung des amtierenden Präsidenten sichern und dabei ihr politisches Kalkül beweisen. Dabei können beide auf Material gegen ihren Mitbewerber zurückgreifen und stehen somit vor der Entscheidung, den Wahlkampf durch eine Schmutzkampagne eskalieren zu lassen. Obwohl der Film nur an einem Tag spielt und mit 102 Minuten Laufzeit nicht besonders umfangreich bemessen ist, gelingt es Vidal, ein umfangreiches Bild der beiden Protagonisten zu zeichnen.

Kandidat William Russell bietet eine typische Rolle für Henry Fonda, der über Jahrzehnte aufrichtige Figuren mit intaktem moralischem Kompass spielte (u. a. Die 12 Geschworenen und Sturm über Washington). Russell ist ein kluger Kopf mit Weitblick, der die Dinge allerdings immer komplett durchdenkt, bevor er eine Position bezieht. Diese Zögerlichkeit (stark: Fondas verkniffenes Spiel) bietet den Gegnern Angriffsfläche; ein zukünftiger Präsident kann sie sich in Krisensituationen nicht leisten.

Sein Gegenspieler verkörpert das genaue Gegenteil: Joe Cantwell ist ein geborener Populist, der sich gekonnt als Vertreter des Volkes stilisiert. Die Politik ist für ihn ein Schlachtfeld, auf dem der Stärkste gewinnt. Die Mittel spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Doch ist er dem Amt des Präsidenten charakterlich gewachsen oder versperren ihm Ego und Ehrgeiz eine ungetrübte Auffassungsgabe? Cliff Robertson spielt ihn mit enormen Charisma und nur mühsam im Zaum gehaltener Energie.

Über die Defizite der beiden Kontrahenten verdeutlicht Der Kandidat, dass es keinen perfekten Bewerber gibt und stellt damit implizit die gesamte menschengemachte Politik infrage, die immer von subjektiven Positionen und persönlichen Erwägungen geprägt wird. Gleichzeitig vertritt Vidal das amerikanische Ideal, dass sich letztlich der beste Bewerber durchsetzt – der Originaltitel des Films lautet nicht von ungefähr The Best Man.

Doch wer ist der beste Mann für das Amt des Präsidenten? Der Film verteilt die Sympathie klar zugunsten von Henry Fondas Russell, doch inwieweit ist Sympathie überhaupt ein ausschlaggebendes Kriterium? Der amtierende Präsident – der einige der besten Dialogzeilen des Films hat – bringt es wunderbar auf den Punkt:

„It’s not that I object to your being a bastard, don’t get me wrong there. It’s your being such a stupid bastard that I object to.“

Vidals Dialoge sind die Attraktion des Films; gepaart mit den starken Darstellern (neben Fonda und Richardson muss auch der oscarnominierte Lee Tracy als Präsident genannt werden) und dem verdichteten, sich stetig zuspitzenden Szenario bietet Der Kandidat beste Unterhaltung.

Das Finale des Films liefert das Sahnehäubchen: Vidal löst den Zweikampf der beiden Alphamännchen auf die eleganteste und überraschendste Weise und vollbringt dabei ein Kunststück. Einerseits beschwört er sein Ideal einer (amerikanischen) Gesellschaft, die immer das Beste aus sich hervorbringt, andererseits verdeutlicht er, wie menschliche Makel den gesellschaftlichen Fortschritt verlangsamen. The Best Man? Nur hypothetisch.

★★★★☆☆

1960 – 1969

Die Sechziger Jahre zählen zu den revolutionärsten Jahrzehnten der Kinogeschichte. Mehrere Strömungen – die neuen Wellen – verschoben künstlerische Grenzen und modernisierten die Filmsprache. Viele Regisseure ließen die themen der vorherigen Generationen hinter sich und drehten freiere, gesellschaftskritischere Werke.

Drama

Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.