Alles, was wir geben mussten

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Filmkritik:

Obwohl Kazuo Ishiguros Roman Alles, was wir geben mussten erst im Jahr 2005 erschien, gilt er inzwischen schon als moderner Klassiker; die Adaption erreichte diesen Status bislang noch nicht, doch ich hoffe, das ändert sich noch, denn Drehbuchautor Alex Garland und Regisseur Mark Romanek übersetzten Geist und Atmosphäre des Romans wunderbar auf das Medium Film.

Alles, was wir geben mussten ist ein Science-Fiction-Melodram, verkehrt die typischen Elemente der Genres aber spannenderweise ins Gegenteil. Statt in einer futuristischen High-Tech-Welt spielt der Film in einer alternativen Gegenwart der Siebziger Jahre und kümmert sich überhaupt nicht um technologisches Brimborium; und wo im Melodram gerne mal in den ganz großen Gefühlen geschwelgt wird, offenbart Alles, was wir geben mussten diese lediglich in kleinen Nuancen, verhalten und leise. Die gemeinsame Schnittstelle beider Genres, die Schilderung der sozialen, gesellschaftlichen und politischen Gefüge dieses fiktiven Großbritanniens, wird nahezu komplett ausgeblendet, heruntergebrochen auf die im Gesamtkontext unbedeutende Perspektive dreier Außenseiter.

Überhaupt zählt Romaneks Werk zu jenen Filmen, die bewusst viele Leerstellen lassen und lediglich ein Gefühl für das Unsichtbare vermitteln. Außerhalb des Bildausschnitts und irgendwo hinter den Blicken und Gesten der Protagonisten liegt allerhand, Alles, was wir geben mussten traut seinem Publikum jedoch das Zwischen-den-Zeilen-Lesen zu und vermittelt lediglich die hochgradig fatalistische Atmosphäre, die fortwährend auf die Vergänglichkeit alles Seins und Tuns der Protagonisten hinweist, als Transportmittel für die Grauzonen und Zwischentöne, die es zu entdecken gilt.

Der Weg ist hier eindeutig das Ziel, denn das unglückliche Schicksal der Protagonisten steht ohnehin von Anfang an fest, einen Ausweg scheint es nicht zu geben. Die Fremdbestimmung, der die jungen Menschen unterliegen, wird eindrucksvoll vermittelt. Dass die Figuren aufgrund ihrer nachhaltigen Konditionierung nicht einmal versuchen, sich ihrer Bestimmung zu entziehen, sorgt dabei für eine enorme Tragik, deren zurückhaltende Vortragsweise den Effekt paradoxerweise noch verstärkt.

Die vielen wahrhaftigen und dennoch poetischen Momente, die gute Kameraarbeit und das wenig futuristische und daher glaubwürdige Setdesign sorgen für eine dichte Grundstimmung, während Carey Mulligan, Keira Knightley und Andrew Garfield dem Setting mit ihrem guten Spiel die nötige Glaubwürdigkeit vermitteln. So kann es sich Alles, was wir geben mussten erlauben, plakative Dramaturgien außer Acht zu lassen und nicht zu vordergründig auf Effekthascherei aus zu sein. Alles, was wir geben mussten ist ein ungewöhnlich inszeniertes Melodram und überzeugt mit viel Melancholie.

Handlung:

Kathy, Tommy und Ruth wachsen in Hailsham auf, eine Art Internat in einer idyllischen Hügellandschaft irgendwo in England. Es scheint eine heile Welt zu sein, in der eine fröhliche Kinderschar für ihr späteres Leben angeleitet werden soll. Doch nichts ist so, wie es scheint. Denn die überaus freundlichen Lehrer in Alles, was wir geben mussten werden hier als “Wächter” bezeichnet und früh spüren die Kinder, dass mit ihnen irgendetwas anders ist, ihnen ein ganz besonderes Schicksal bevorsteht. Kathy, Ruth und Tommy verbindet dieses unklare Wissen. Sie erleben in Hailsham ihre Kindheit, später in einem Cottage ihre Jugend und die ersten Liebeswirren – bis für zwei von ihnen das Ende naht.

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Foto von Tom Schünemann

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2 Comments

  1. Franziska-t 4. September 2015 at 17:50 - Reply

    Absolut toller Film. Gerade deshalb wunderte es mich, dass es der Film vor ein paar Jahren zur Primetime ins Fernsehen geschafft hat. Vielleicht lag’s am Cast. Spiderman, Elizabeth Swan und die Schwester von Michael Fassbender – was für ein Gespann. Ein Film der leisen Töne, der sehr bewegt.

    Hier meine (damals noch recht spartanische) Review: https://filmkompass.wordpress.com/2013/08/17/never-let-me-go-2010/

    • Tom 4. September 2015 at 20:47 - Reply

      Ich erinnere mich noch gut an die Einladungsmail zur Pressevorführung – da wurde der Film komplett anders vermarktet, nämlich wie ein Mysterythriller. (Die daraus entstandene Enttäuschung bei Genrefans mag einer der Gründe sein, warum der Film keine gute Resonanz erfuhr). Kann mir vorstellen, dass es Fernsehsender auf dieselbe Tour probieren und sich deshalb auch trauen, Alles, was wir geben mussten zur Primetime zu bringen.

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