Das Gesicht zählt zu den unkonventionellsten Werken von Ingmar Bergman: Der schwedische Meisterregisseur inszeniert das Geschehen ungewohnt heiter und verzichtet darauf, die psychologischen Tiefen seiner Figuren zu erforschen. Stattdessen reflektiert über das Wesen der Kunst und das eigene Schaffen.

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Filmkritik:

Das Gesicht spielt im 19. Jahrhundert und begleitet eine kleine Schaustellertruppe, die kurz vor Stockholm von der Polizei aufgehalten wird. Als Bedingung für die Auftrittserlaubnis nötigen einige ranghohe Beamte die Künstler zu einer Privatvorstellung. Besonders ernst ist es dem Wissenschaftler Vergerus: Er will den Leiter der Truppe als Scharlatan entlarven und an den Pranger stellen.

Der Konflikt zwischen den sympathischen Künstlern und der überheblichen Obrigkeit verspricht Spannung, diese verpufft jedoch nach einer halben Stunde. Das Gesicht verwandelt sich unerwartet in eine Komödie und schaut den Bediensteten beider Lager beim Anbandeln zu.

Dennoch besitzt der Film kaum Ähnlichkeit mit Bergmans Komödien Das Lächeln einer Sommernacht oder Das Teufelsauge – die Bilder sind deutlich finsterer und der Humor erfasst keine der Hauptfiguren, die zunächst im Hintergrund bleiben.

Stattdessen hat mich das Geschehen an Jean Renoirs Die Spielregel erinnert – der Klassiker verbirgt seine bissige Gesellschaftskritik hinter dem Schleier einer Komödie, um sie erst im Finale zu enthüllen. Das Gesicht geht ähnlich vor: Trotz des fröhlichen Trubels scheint auch in einiges im Argen zu liegen.

So konfrontiert uns Bergman mit widersprüchlichen Hinweisen zu den Fähigkeiten der Schausteller. Max von Sydows Dr. Vogler wirkt tatsächlich wie ein Scharlatan und scheitert beim Versuch, eine Vision zu erzeugen; ebenso wenig scheint die Großmutter der Truppe eine 200 Jahre alte Hexe zu sein.

Doch warum bittet der Ansager die Alte dann vor dem Gespräch mit den Beamten, „nicht wieder Tische fliegen zu lassen“? Und wie gelingt es Dr. Vogler während der Vorstellung, den starken Kutscher des Polizeichefs mit einer „unsichtbaren Kette“ zu fesseln? Wenn Bergman das Finale des Films durch eine lupenreine Horrorsequenz einläutet, ist die Konfusion perfekt und der humorvolle Mittelteil passé.

Für das Storytelling erweist sich das ständige Changieren zwischen den Genres als Nachteil, die vielen Gegensätze erschweren die Deutung des Geschehens. Nur das hohen Tempo und die Präsenz der Darsteller halten das seltsame Konstrukt zusammen. Da Bergman diese Brüche bewusst waren, stellt sich die Frage, warum der Regisseur die Stimmungswechsel nicht geschmeidiger anlegt.

Im Nachhinein wird klar: Bergman erlaubt sich eine Meta-Ebene und inszeniert Das Gesicht selbst wie eine Zaubervorstellung. Er serviert einige typische Bergman-Ingredienzien zum Auftakt, überrascht uns dann mit komödiantischer Leichtigkeit und erschafft anschließend Spannung aus dem Nichts. Mit anderen Worten: Der Magier Bergman führt uns sämtliche Facetten seiner (Kino)Kunst vor.

Über diesen Ansatz lässt sich der Film auch inhaltlich besser verstehen. Viele Werke von Ingmar Bergman denken über den Konflikt zwischen der Realität und dem Übernatürlichen nach, doch Das Gesicht gehört nicht dazu. Die Frage, ob die Gaukler tatsächlich magische Kräfte einsetzen, ist letztlich irrelevant. Bergman geht es nicht um das Ergebnis, sondern um den Versuch. Jeder kleine Zweifel, den die Schausteller in uns wecken, bedeutet bereits den Sieg der Künstler über Rationalität und Skepsis.

Damit beschreibt Bergman die Magie des Mediums Film: Wie die Schausteller des Films arbeitet auch das Kino mit Tricks und Technik, um sein Publikum zu täuschen. Doch wenn diese Täuschung gelingt, wenn sie – und sei es nur für einen Moment – etwas in uns bewegt, dann werden wir Zeuge von echter Magie. Wie falsch kann etwas sein, das echte Emotionen auslöst?

In der Figur des Dr. Vogler spiegelt Bergman sich selbst, in Das Gesicht sinniert der Regisseur über die Schwierigkeiten seiner Kunst. Trotz Max von Sydows Ausstrahlung besitzt Dr. Vogler keine magische Aura, sondern wirkt regelrecht am Ende. Über weite Strecken der Spielzeit bleibt er im Hintergrund, wir sehen ihn zaudern und scheitern.

Selten erzählt Bergman so viel über sich selbst wie hier, wo er Dr. Vogler über bornierte Kritiker herziehen lässt: „Ich hasse sie. Ich hasse ihre Gesichter, ihre Körper, ihre Bewegungen, ihre Stimmen. Aber sie ängstigen mich auch, und dann verliere ich meine Kraft.“

Der Kampf des Künstlers richtet sich aber nicht nur gegen äußere Einflüsse, sondern findet auch im Inneren statt. Die Fähigkeit, eine Leere mit Magie zu füllen, erweist sich gleichzeitig als Bürde: Jedes Mal aufs Neue müssen Vogler und Bergman bei null anfangen.

Der vermeintliche Scharlatan siegt letztendlich, weil er es trotz der nagenden Ungewissheit wagt – er zaubert, obwohl er zweifelt. Das erhebt Vogler zum Künstler und Bergman zu einem der größten Regisseure des Kinos.

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DER REGISSEUR

In seinen 38 Spielfilmen erforschte Ingmar Bergman die dunklen Seiten der menschlichen Psyche – Sex und Tod, Glaube und Hass nehmen zentrale Plätze im Schaffen des Schweden ein. Die düsteren Bilder unterstreichen diese Themenwahl nachhaltig und vermitteln oft eine Stimmung existenzieller Krisen. 1997 erhielt Bergman bei den Filmfestspielen in Cannes einen Sonderpreis als „bester Regisseur aller Zeiten“.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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