Jean Renoirs Die Spielregel ist ein Wolf im Schafspelz, der zur Zeit seiner Veröffentlichung verabscheut wurde, im Laufe der Jahrzehnte jedoch in zahllosen Bestenlisten vertreten war und inzwischen immer wieder zu den besten Filmen aller Zeiten gezählt wird.

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Filmkritik:

Zunächst wirkt Die Spielregel wie eine heitere Komödie, die beinahe ausschließlich in einem herrschaftlichen Anwesen auf dem Land spielt. Der aristokratische Gastgeber hat Mitglieder der High Society zu einem vergnüglichen Wochenende eingeladen, auf dem Programm stehen ein Jagdausflug sowie eine ausschweifende Party.

Renoirs Werk fängt die turbulenten Begebenheiten dieses Wochenendes ein und folgt dabei keiner einzelnen Hauptfigur, sondern gleich einem Dutzend Protagonisten, das sich aus den wohlhabenen Gästen und der Dienerschaft zusammensetzt. Im Verlauf des Wochenendes entspinnt sich ein mit hohem Tempo vorgetragener Liebesreigen, in dem Männer und Frauen einander beobachten, begehren und betrügen, was zuerst heimlich, später jedoch immer offener geschieht und fortwährend Komplikationen produziert.

1939 zählte Die Spielregel zu den teuersten Produktionen Frankreichs, Renoir gründete extra eine eigene Produktionsfirma. Diese ging nach der Veröffentlichung des Films direkt pleite, denn Renoirs Werk geriet zu einem gigantischen Misserfolg. Bei der Premiere buhten und pfiffen die Kinobesucher und sollen Anekdoten zufolge sogar versucht haben, das Kino in Brand zu setzen. Doch wieso löste eine locker-leichte Komödie eine derart heftige Reaktion aus?

Hinter dem heiteren Trubel des Films steckt noch mehr: Es ist kein Zufall, dass Jean Renoir, dessen Arbeiten sich immer auf die Menschen der Arbeiterklasse fokussierte, plötzlich ein Werk über die Bourgeoisie dreht. Die Spielregel ist keine typische Komödie, sondern entpuppt sich als garstige Farce. Mit feiner Klinge entlarvt der Filmemacher die Doppelmoral der herrschenden Klasse. Hinter der vornehmen Maske der Protagonisten kommt ein dekadenter Egoismus zum Vorschein, der die grundlegenden Werte der Gesellschaft zum eigenen Vorteil pervertiert.

Die titelgebende Spielregel besteht in der stillschweigenden Übereinkunft der bourgeoisen Gemeinschaft, unter dem Vorwand der Etikette die Fehltritte und Lügen der Mitmenschen zu übersehen, auf dass diese es ebenso halten und man selbst ungeniert und ohne Verantwortung dem Laster frönen kann.

Damit mutet Die Spielregel wie eine Screwballkomödie aus der Feder von Luis Buñuel an und wirkt gleichzeitig wie der Urgroßvater von Michael Hanekes Das weiße Band. Wo Hanekes Film den Einfluss einer von Repressalien geprägten Kindheit in einem mecklenburgischen Dorf auf die künftige Tätergeneration des Zweiten Weltkrieges herleitet, reflektiert Renoirs Werk das gesellschaftliche Klima, das beide Weltkriege zu verantworten hat. Wie die Figuren des Films agierten die Nationen vor dem Ersten Weltkrieg, der entstand, weil die Staaten die allgemeinen Spielregeln vorschoben, um der eigenen Verantwortung zu entsagen und sich lustvoll in einen anschwelenden Konflikt zu stürzen.

Anhand der Festgesellschaft beweist Die Spielregel, dass niemand aus den Folgen dieser Verantwortungslosigkeit gelernt hat. Im Gegenteil: Die Menschen frönen weiterhin ihrer fröhlichen Borniertheit, die zwangsweise in einer Eskalation münden muss. Bezeichnenderweise trifft es die vielleicht einzige ehrliche, moralisch handelnde Figur des Films.

Angesichts eines Finales, in dem der Mord am Helden als Unfall abgetan wird, alle Beteiligten diese Lüge mittragen und mutmaßlich ihre Party fortsetzen, verwundern die Proteste der Premierenbesucher nicht mehr. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges gedreht, nahm Renoir bereits vorweg, dass eine derart scheinheilige Gesellschaft zwangsläufig untergehen muss.

Neben der inhaltlichen Tiefe des Films überzeugt auch Renoirs Regie, deren Klasse vor allem im letzten Drittel zur Geltung kommt. In langen Einstellungen und mit einer ausgefeilten mise en scéne verknüpft der Regisseur gleich mehrere Handlungsfäden und lässt die abendliche Party, eine mörderische Verfolgungsjagd, Faustkämpfe und heimliche Rendezvous in einzelnen Szenen kulminieren.

Auch nach achtzig Jahren hat Die Spielregel nichts von seiner intelligenten Schärfe und seiner Dynamik eingebüßt. Renoirs Film zählt zurecht zu den großen Klassikern seiner Ära.

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DER REGISSEUR

In den Dreißigern entwickelte sich Jean Renoir zum einflussreichsten Regisseur seiner Zeit. Mit seinen schonungslosen Sozialdramen belebte er den Poetischen Realismus und inspirierte sowohl den Film Noir als auch den Italienischen Neorealismus. Der düstere Tonfall seiner Meisterwerke verdeckt allerdings nie den zutiefst humanistischen Kern – Renoir trat stets für Moral und Mitgefühl ein.

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DER REGISSEUR

In den Dreißigern entwickelte sich Jean Renoir zum einflussreichsten Regisseur seiner Zeit. Mit seinen schonungslosen Sozialdramen belebte er den Poetischen Realismus und inspirierte sowohl den Film Noir als auch den Italienischen Neorealismus. Der düstere Tonfall seiner Meisterwerke verdeckt allerdings nie den zutiefst humanistischen Kern – Renoir trat stets für Moral und Mitgefühl ein.

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DIE STRÖMUNG

Beim Poetischen Realismus gehen Magie und Melancholie Hand in Hand. Geprägt durch die französische Wirtschaftskrise der Dreißiger Jahre, porträtiert die Strömung Menschen aus einfachen Verhältnissen und richtet sein Augenmerk auf ihre Milieus. Oft kämpfen die Protagonisten des Poetischen Realismus um ihr persönliches Glück und scheitern dabei an den Umständen oder dem Schicksal.

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ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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