Das österreichische Drama Michael wagt sich an ein heikles Thema und schildert das mehrere Monate andauernde „Zusammenleben“ eines Pädophilen und eines entführten Jungen.

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Filmkritik:

Es ist ein schmaler Grad, auf dem Regisseur Markus Schleinzer da wandelt. Er könnte den Täter dämonisieren und den Plot dramatisieren, zur leichteren Konsumierbarkeit, oder aber möglichst realistisch und vorurteilsfrei beobachten, was wiederum der Spannung abträglich wäre und in seiner Ambivalenz die Gefahr der Vieldeutigkeit in sich trüge. Letztlich ein Dilemma, was wir auch schon aus dem Genre des Antikriegsfilms kennen – darf so ein Film spannend sein, darf er reale Schrecken instrumentalisieren für ein besseres Filmerlebnis?

Schleinzers Film erinnert an die Werke seines Landsmannes Michael Haneke, er entscheidet sich für das Beobachten und den Verzicht auf jegliche Theatralik. Michael erzählt daher in erster Linie vom Alltagsleben des Täters und seines Opfers. Aus der Perspektive des Entführers offenbart der Film die organisatorischen Umstände und die Planung von schwierigen Alltagssituationen, die für die Aufrechterhaltung des Doppellebens des Täters nötig sind.

Trotz der zurückhaltenden Regie erzeugen geschickt eingestreute, kleine tägliche Unregelmäßigkeiten dann sogar doch Spannung und ein zwiegespaltenes Gefühl – gerät der Alltag von Täter Michael außer Kontrolle, droht seinem Opfer Wolfgang der Tod; somit sorgt sich der Zuschauer tatsächlich auch um den Täter, wünscht ihm jedoch gleichzeitig auch das Scheitern.

Nie erweckt das Drehbuch den Eindruck, Michael sei doch eigentlich ganz in Ordnung, denn obwohl der Alltag der beiden durch Ruhe und Routine geprägt ist und der Tonfall des Films dadurch unaufgeregt erscheint, entwirft der Film ein bedrückendes Szenario, sexueller Missbrauch inklusive. Obgleich vor den Gewaltszenen pietätvoll abgeblendet wird, bleibt der Debütfilm von Regisseur Markus Schleinzer durchweg unangenehm.

Mit seiner Distanz zu den Protagonisten gelingt es Michael nicht, einen psychologischen Einblick in die Gemüter von Täter und Opfer zu erlangen, bleibt dadurch jedoch auch universeller, weil er mehr Interpretationsraum zulässt. Die konzentrierte Aufarbeitung der in ähnlichen Werken so kaum berücksichtigten Perspektive eines Täters fällt interessant aus und hält ein länger nachhallendes Finale parat.

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DAS GENRE

Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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ÜBER DEN KRITIKER

Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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