Dabei liefert der französische Regisseur ein Musterbeispiel für das effektvolle Filmen mit wenig Budget und reduziert Handlung und Figuren auf ein Minimum. Rollin schickt ein frisch verliebtes Pärchen auf eine Fahrradtour und lässt es einen ländlichen Friedhof entdecken. Dort vergessen die beiden die Zeit und werden auf dem Gelände eingeschlossen, sodass sie die Nacht zwischen den Gräbern verbringen muss.
Auf grelle Effekte verzichtet Rollin ebenso wie auf typische Handlungsmuster; ganz ohne das Auftauchen von Geistern und Dämonen trägt die nächtliche Friedhofsstimmung den Film. Der subtile, geräuschlastige Score und das tolle Set (der teilweise von Pflanzen überwucherte Friedhof ist echt) erzeugen eine im besten Sinne altmodische Schaueratmosphäre. Die Vielzahl an unkonventionellen Kameraperspektiven und die gelungene Beleuchtung betonen im weiteren Verlauf immer stärker die Traumhaftigkeit dieses Kammerspiels.
Auch die beiden jungen Protagonisten erliegen nach und nach dem Einfluss dieses latent bedrohlichen Ortes, die Darstellung ihrer Gefühlszustände zählt jedoch zu den Makeln des Films. Nicht nur verwundert ihre Fahrlässigkeit beim Umgang mit den Insignien der Grabstätten, die reihenweise beschädigt werden, Rollin gelingt es auch nicht, die Stimmungsschwankungen der beiden Figuren nachvollziehbar herzuleiten. Die sprunghaften, unerklärlichen Veränderungen zwischen ihnen verringern die Identifikation und wirken alles andere als rund.
Der Sinn der plötzlichen Konflikte erschließt sich hingegen schnell, bringen sie doch die nötige Dynamik. Das Paar beginnt zu streiten, es kommt sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen und schließlich zu Wahnvorstellungen, wenn sich einer der beiden Eingeschlossenen mehr und mehr mit den Toten identifiziert, anstatt das Leben zu schätzen.
Trotz der Auseinandersetzungen entwickelt sich Die eiserne Rose in keinem Moment zum spannenden Horrorfilm, sondern bleibt ganz seiner sinisteren Atmosphäre verhaftet. Auf der Handlungsebene passiert vor allem im Mittelteil wenig, sodass Rollins Werk trotz der ohnehin kurzen Spielzeit von 77 Minuten eine Kürzung um weitere 10 Minuten gut getan hätte. Die handwerkliche Raffinesse und die charismatische Hauptdarstellerin Françoise Pascal helfen jedoch darüber hinweg.
In der großartigen Schlussviertelstunde spielt Die eiserne Rose seine Trümpfe aus und enthebt das Geschehen endgültig konventionellen Maßstäben. Ganz in der Tradition des Gothic Horrors von Edgar Allen Poe erreicht Rollins Werk eine faszinierende Traumebene und zieht uns in seinen Bann. Eros und Thanatos vereinen sich zu einem Reigen, der vom gespenstischen Totentanz der Hauptdarstellerin passend illustriert wird. Das Finale erweist sich als Höhepunkt und hinterlässt einigen Eindruck sowie letzte Worte, die wie eine Drohung klingen:
„Ihr seid alle tot. Wir leben.“