Mit Die schwarze Narzisse entwarfen die beiden kongenialen Autorenfilmer Michael Powell und Emeric Pressburger einen prägenden Klassiker des britischen Kinos. Der Film imponiert mit enormer Bildgewalt, die durch das farbenprächtige Technicolor und die berühmten Matte Paintings entsteht. Auch der Plot überzeugt: Er ist vielschichtig und greift auf einen interessanten Genre-Mix zurück.

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Filmkritik:

Nachdem sich Michael Powell und Emeric Pressburger mit ihrer eigenen Produktionsfirma künstlerische Freiheit sicherten, schufen die beiden binnen weniger Jahre Klassiker wie Leben und Sterben des Colonel Blimp, Irrtum im Jenseits oder Die roten Schuhe. Für Die schwarze Narzisse übernahmen sie einmal mehr die Produktion, das Drehbuch und die Regie. Herausgekommen ist die beste Arbeit der beiden Autorenfilmer.

Der Film spielt im indischen Teil des Himalaya, wo eine Gruppe britischer Nonnen ein Kloster aufbauen soll. Mit einer Schule und einer Krankenstation wollen sie die örtlichen Bauern unterstützen. Die Mission in 3.000 Metern Höhe verlangt den Frauen alles ab – das harsche Klima und der Umgang mit den fremdartigen Einheimischen stellen die Nonnen vor immer neue Probleme.

Die erste Filmhälfte funktioniert nach den Regeln des Abenteuerfilms und führt Ort und Figuren ein. Anhand der kleinen, alltäglichen Konflikte gelingt es dem Film ausgezeichnet, die Charaktereigenschaften der Protagonisten herauszustellen. Die kompetente, aber unerfahrene Oberschwester Clodagh dient als Sympathieträgerin; sie muss sich mit einer arroganten Untergebenen, dem aufmüpfigen Verwalter Mr. Dean, einem örtlichen Prinzen und einer burschikosen jungen Inderin herumschlagen.

Trotz der herausfordernden Mission besitzt Die schwarze Narzisse zu Beginn noch eine optimistische Stimmung. Powell und Pressburger gewinnen den kulturellen Unterschieden auch amüsante Seiten ab und dank der Romanvorlage unterhält der Film vorzüglich durch seine raffinierten Dialoge.

Allerdings lassen die Regisseure schon in vielen kleinen Details einen Gärprozess erkennen – allmählich entwickeln sich faule Stellen, für die die Beteiligten noch blind sind. Selbst wir Zuschauer übersehen manche Andeutung, was bei erneuten Schauen des Films zusätzliches Vergnügen bereitet.

Im weiteren Verlauf wandelt sich Die schwarze Narzisse vom Abenteuerfilm zum Melodram. Die karge Umgebung und die harte Arbeit schleifen den religiösen Panzer der Nonnen ab. Schlaflosigkeit und Krankheit sind die Folge, verschüttete Erinnerungen und verborgene Sehnsüchte treten zutage und lassen sich nicht länger ignorieren. Das unterminiert den Glauben und die Moral der Gemeinschaft. Ein klassisches Sujet des Melodrams: Der Konflikt zwischen Selbstverwirklichung und den unveränderbaren Lebensumständen.

Das Drehbuch von Powell und Pressburger fährt eine Reihe von Motiven auf, die dem Geschehen eine überraschende Tiefe verleihen. Am deutlichsten äußert sich der sexuelle Subtext: Die Wandmalereien barbusiger Tänzerinnen zeugen davon, dass das Klostergebäude einst einem früheren Herrscher als Harem diente. Immer noch scheint eine unsichtbare erotische Spannung in der Luft zu liegen.

Der schnodderige Verwalter Mr. Dean trägt nicht zur Entspannung der Situation bei. Der trinkfreudige Mann verkörpert alles andere als einen britischen Gentleman: In seinen kurzen Shorts, mit weit geöffneten Hemd oder blankem Oberkörper, oft verschwitzt von Arbeit und Klima, erinnert er die Nonnen stetig an die Freuden der Körperlichkeit.

Kann der Glaube überhaupt gegen die wilde Kraft dieses Ortes bestehen? Für spirituelle Sinnfragen installieren Powell und Pressburger den heiligen Mann. Der Greis hat sich komplett aus der Welt zurückgezogen und sitzt seit Jahren in sprachloser Meditation auf einem Stein in der Nähe des Klosters. Eine der Nonnen bringt das Dilemma auf den Punkt: „Es gibt nur zwei Wege, um hier leben zu können: Entweder man lebt wie Mr. Dean oder wie der heilige Mann. Entweder man ignoriert die Gegebenheiten oder man lässt sich vollständig von ihnen vereinnahmen.“

Die Nonnen können weder das eine noch das andere. Was zu Beginn langsam gärte, fängt nun an zu wuchern. In den letzten 10 Minuten steigert sich Die schwarze Narzisse zu einem fiebrigen Horrorfilm. Nun verebben die Gespräche endgültig; sie weichen blindem Eifer und manischen Blicken. Die Transformation der Antagonistin findet ihren Abschluss.

Das Schicksal der Nonne deutet der Film schon zu Beginn an, als er ihre weiße Robe mit Blut besudelt. Nun tauscht die Schwester ihren Ornat gegen ein wallendes rotes Kleid. Mit ihren offenen Haaren und dem leuchtenden Lippenstift wirkt sie regelrecht obszön. Als entfesselte Furie sorgt sie für Hochspannung.

Powell und Pressburger gelingt es, Abenteuerfilm, Melodram und Horror engmaschig miteinander zu verweben. Trotzdem besitzt jeder der drei Abschnitte eine eigene Identität: Die Bildgestaltung, die Beleuchtung und das Make-up verändern sich je nach Schwerpunkt. Ein Großteil der dramatischen Wirkung entwickelt sich aus der expressiven Lichtsetzung, während die Kamera Entfremdung und Isolation aufbaut. Für die überwältigenden Bilder erhielt Jack Cardiff zu Recht einen Oscar.

Die Ehrfurcht des Himalaya transzendiert die Nichtigkeit der winzigen Menschen und verleiht Die schwarze Narzisse eine andere Dimension. Umso beachtlicher ist es, dass die monumentalen Bilder überhaupt nicht vor Ort entstanden, sondern in einem englischen Studio. Der Film zählt zu den berühmtesten Beispielen für den Einsatz von sogenannten Matte Paintings – auf Glas gemalte Hintergründe, die vor der Kamera aufgebaut werden und beim Filmen mit den eigentlichen Sets verschmelzen.

Der Einsatz der Matte Paintings zahlt sich nicht nur ökonomisch, sondern auch künstlerisch aus: Da die Farbdramaturgie eine wichtige erzählerische Rolle einnimmt, war eine konsistente Farbgebung wichtig. Die Matte Paintings garantieren das und liefern im Zusammenspiel mit der ausdrucksstarken Lichtsetzung eine eindrucksvolle Szenerie.

Die schwarze Narzisse verlässt sich Andeutungen, anstatt alles zu erklären. Trotz seiner Übersteigerungen bewahrt sich der Film seine Glaubwürdigkeit. Das ist auch ein Verdienst der hervorragenden Darsteller.

Neben David Farrar als Mr. Dean und Kathleen Byron als Schwester Ruth überzeugt vor allem Deborah Kerr. Die Rolle der Oberschwester Clodagh bedeutete ihren endgültigen Durchbruch. Kerr unterschrieb bei MGM und stieg mit Werken wie Bonjour Tristesse und Schloss des Schreckens zu den führenden weiblichen Hollywoodstars auf.

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DIE REGISSEURE

Die Partnerschaft von Michael Powell und Emeric Pressburger zählt zu den bemerkenswertesten Kollaborationen der Filmgeschichte. Das Duo gründete 1943 seine eigene Produktionsfirma The Archers. Powell und Pressburger konnten ihre Wunschprojekte selbst produzieren, das Drehbuch schreiben und Regie führen. Dank dieser künstlerischen Freiheit schufen sie binnen weniger Jahre zahllose Klassiker voller stilistischer Finesse.

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Das Horrorgenre gibt uns die Möglichkeit, Schreckensszenarien durchzuspielen und damit Stress aus unserem Unterbewusstsein abzuleiten. Der Horrorfilm bedroht immer die Normalität – sei es durch Geister, Monster oder Serienkiller. In der Regel bestrafen die Antagonisten die Verfehlungen von Sündern, inzwischen verarbeiten postmoderne Horrorfilme diese Motive jedoch auch ironisch und verbreitern damit die ursprünglichen Sujets des Genres.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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