Ein besonderer Tag

Ein Film von Ettore Scola

Genre: Drama

 

 | Erscheinungsjahr: 1977

 | Jahrzehnt: 1970 - 1979

 | Produktionsland: Italien

 

Anhand einer alltäglichen Situation entwirft Ein besonderer Tag ein Porträt des faschistischen Italiens vor dem Zweiten Weltkrieg. Das subtile Werk von Ettore Scola erzählt in mal poetischen, mal bedrückenden Zwischentönen von einem menschlichen und letztlich gesellschaftlichen Drama.

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Filmkritik:

Ein besonderer Tag spielt am 8. Mai 1938 und erhält seinen Titel durch einen Staatsbesuch Adolf Hitlers in Rom. Während die ganze Stadt zu den faschistischen Paraden strömt, liegen die Wohnanlagen wie ausgestorben da. In einer davon treffen zwei einsame Menschen durch einen Zufall aufeinander, die Begegnung verändert ihr Leben nachhaltig.

Ettore Scola startete seine Karriere als Drehbuchautor und machte sich als profunder Beobachter und Kritiker der italienischen Gesellschaft einen Namen. Der in der kommunistischen Partei aktive Autor prägte Dino Risis konsumkritische Komödie Verliebt in scharfe Kurven und Antonio Pietrangelis Ich habe sie gut gekannt, eine Tragödie über die zunehmend oberflächlicher und egoistischer geratene Gesellschaft.

Später adaptierte Scola seine Drehbücher selbst als Regisseur, besonders die Tragikomödie Wir waren so verliebt sticht aus dieser Phase heraus: Anhand dreier Freunde spürte Scola der Entwicklung der italienischen Gesellschaft über drei Jahrzehnte nach. 1977 erreichte der Regisseur seinen Zenit: Ein besonderer Tag ist die ambitionierteste und in sich geschlossenste Arbeit Scolas.

Nach einem fünfminütigen Wochenschaubericht über Hitlers Besuch in Rom gehen die Archivaufnahmen in Filmbilder über, die sich ebenso klar als Blick in die Vergangenheit ausweisen: Eine starke Entsättigung und ein dezenter Sepia-Einschlag tauchen das Geschehen in ein Zwielicht – der Schatten des Faschismus liegt über den Bildern. Optimistischer gelesen, deutet ein Rest honigfarbener Wärme eine Magie an, die an diesem besonderen Tag zu wirken scheint.

Bezaubern kann auch Scolas sorgfältige Inszenierung, die schon zu Beginn durch eine phänomenale Plansequenz imponiert: Die Kamera startet im morgendlichen Innenhof der Wohnblöcke, schwebt die Fassade hinauf und gleitet durch ein Fenster in die Küche der Familie Taberi, um anschließend der Mutter beim Wecken der sechs Kinder durch mehrere Zimmer zu folgen.

Einige Minuten später ist die Bühne für den Rest des Films bereitet: Sämtliche Bewohner brechen zu den Paraden auf und lassen die resignierte Antonietta Taberi allein zurück. Durch die Flucht des Familienvogels entdeckt die Hausfrau einen weiteren Zurückgebliebenen. Sie ahnt nicht, dass das gemeinsame Einfangen des Tieres den unscheinbaren Gabriele vom Selbstmord abhält. In den folgenden Stunden lernen sich die beiden Protagonisten näher kennen.

Für die Hauptrollen besetzte Scola ausgerechnet das Traumduo der leichtfüßigen Commedia all’italiana, Sophia Loren und Marcello Mastroianni.Es ist kaum zu glaube, wie gut dieses Wagnis aufgeht: Die sonst so burschikose Loren verleiht ihrer müden Mutter eine stille Grazie und der spitzbübische Mastroianni spielt den scheuen Intellektuellen wie einen traurigen Jungen.

Dabei beeindruckt besonders, dass die Darsteller sich nicht dazu verleiten lassen, diese bislang verborgenen Facetten auf eitle Weise auszustellen. Stattdessen lassen sie die Differenz zwischen ihrem Image und den Figuren unkommentiert und spielen mit bemerkenswerter Zurückhaltung, großem Einfühlungsvermögen und spürbarer Chemie. Sowohl Loren als auch Mastroianni waren selten besser.

Obwohl der Film lediglich zwei Figuren einsetzt, handelt es sich um ein Kammerspiel für drei: Neben Antonietta als folgsamer Anhängerin des Duce und Gabriele als Opfer dieser Ära fügt Ein besonderer Tag den Faschismus selbst als omnipräsente Macht in den Film ein.

Es zählt zum Wesen einer Diktatur, den Schutz des privaten Raums aufzulösen und die Menschen auch dort zu kontrollieren. Scolas Werk veranschaulicht das und bildet das Zwischenmenschliche nicht im privaten, sondern explizit im vom Faschismus besetzten Raum ab.

Dafür nutzt Scola eine in ihrer Simplizität brillante Idee: Das im Hof plärrende Radio der Concierge dominiert die Tonebene über die komplette Spielzeit mit propagandistischer Musik. Sie dringt durch alle Flure und ergreift Besitz von allen Wohnungen; nicht zuletzt erschließt das faschistische Liedgut auch den Kopf von uns Zuschauern.

Dieses sublime Vorgehen passt zu einem Film, der seine Geschichte nicht als Handlung, sondern über Zwischentöne erzählt. Ein besonderer Tag bleibt trotz einiger dramaturgischer Steigerungen stets in einer Alltagssituation verhaftet; Scola deutet seine Themen durch nebenbei platzierte Einschübe an – mit Wechseln im Tonfall oder einigen Dialogzeilen, in denen profunde Hinweise stecken.

So flechtet der Film etwa beiläufig ein, dass Antonietta ab dem siebten Kind eine Prämie vom Staat erhält, während Gabriele als Junggeselle eine jährliche Strafzahlung zu leisten hat. Damit illustriert Scola, wie der Faschismus ins Private drängt, und treibt zugleich die Entwicklung der Figuren voran – durch solche Gegensätze blickt Antonietta erstmals hinter die polierte Oberfläche der Parteidoktrin.

Doch erzählt Ein besonderer Tag eben nicht nur von zwei Menschen, sondern von einer ganzen Gesellschaft. Wie für Antonietta kommt auch für Italien jede Erkenntnis zu spät. Mussolini und seinen Schergen ist es gelungen, die italienischen Bürger auf das Wesen des Vogels der Familie Taberi zurechtzustutzen: Sie plappern gelehrig die Doktrinen nach und harren dabei artig in ihren Käfigen aus.

Trotz des tragischen Finales hinterlässt Scolas Film einen Hoffnungsschimmer: Wo Menschen in Aufrichtigkeit zusammentreffen, können unmenschliche Mächte nicht vollends wirken. Der Faschismus muss letztlich untergehen.

★★★★☆☆

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1970 – 1979

Die durch die neuen Wellen der Sechziger Jahre eingeleiteten Veränderungen nahmen auch in den Siebzigern Einfluss. In den USA entstand das New Hollywood und in Europa u.a. der Neue Deutsche Film. Erstmals kumulierten hohe Studiobudgets und die Kreativität junger Regisseure. Gegen Ende der Siebziger sorgte eine neue Entwicklung für die Wende: Die ersten Blockbuster erschienen und etablierten das Konzept marketinginduzierter Kino-Franchises.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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