Dabei zwingt der Filmemacher das Publikum, am Leben des Mannes teilzuhaben, indem er den Film vollkommen entschleunigt, bis dieser genauso erstarrt ist wie das Dasein von Pharaon. Satte 145 Minuten beträgt die Laufzeit von Humanität. Dumont vermag es wie kaum ein anderer Regisseur, Film körperlich fühlbar zu machen.
Gefühlte Ewigkeiten verharrt die Kamera, um dem Zuschauer karge, nichtssagende Landschaften und regungslose Gesichter zu zeigen, sodass er letztlich nicht anders kann, als in den banalen Bildern einen Sinn zu suchen. Diese Leere irritiert zunächst und macht unruhig, doch hinter dem Nihilismus gibt es Bewegung, gärt etwas Ungeheuerliches, das entdeckt werden will. Dieses vage Gefühl erzeugt eine Grundspannung, die erstaunlicherweise ausschließlich über die emotionale Ebene funktioniert, während die sporadischen Handlungsfetzen dies eigentlich gar nicht ermöglichen, da der Film so wenig erzählt.
Als karg entpuppt sich nicht nur die Handlung, sondern auch die Figurenzeichnung, weil die Charaktere ausschließlich in der Gegenwart des Films existieren. Dumont fokussiert sich zwar zur Gänze auf Pharaon de Winter, doch dieser verschließt sich vor seiner Umwelt und dem Publikum, welches damit gezwungen wird, zwischen den Zeilen zu lesen: Wenn die Passivität und Zurückgezogenheit von Pharaon anfangs noch nach dessen Natur aussieht, offenbart sich das im Nachhinein als Folge tragischer Ereignisse. Der Pharaon im Jetzt, der nur in Humanität stattfindet, lebt als lebloser Fremdkörper in einer ohnehin schon lethargischen Welt und rückt sich selbst in einen Raum abseits von Gefühlswahrnehmungen.
Der Kosmos von Pharaon, die trostlose Landschaft des französischen Hinterlandes, ist dabei – ein typischer Aspekt im Gesamtwerk von Dumont – nicht unbedingt topografisch zu verstehen, sondern als subjektives Abbild des Seelenlebens des Protagonisten. Die latent lebensfeindliche Umwelt spricht also Bände über Pharaons Zustand, lässt allerdings auch Momente der Hoffnung zu: In einem buchstäblich magischen Moment wird die Physik außer Kraft gesetzt, Pharaon scheint etwas zu überwinden, eine Entwicklung durchzumachen.
Was prägnante Momente wie diese aussagen, das überlässt Dumont dem Zuschauer. Sofern sich dieser an das Zeitlupenkino des ehemaligen Philosophielehrers anpassen kann und bereit ist, einen Teil des eigenen Selbst zu investieren, um die von Dumont gelassenen Lücken auszufüllen, ergibt sich eine zutiefst nihilistische Welt, die sich nach Hoffnung sehnt, aber mit keiner Erfüllung rechnet.
Am Ende schließt sich der Kreis, der Kriminalfall wird gelöst, der Täter überführt. Und während sich noch die düstere Erkenntnis manifestiert, dass sich damit absolut nichts ändert, sich die offenen Wunden nicht schließen, schockt Dumont in den finalen Sekunden erneut und stellt schon die nächsten unheilvollen Fragen.