In seinem zweiten Werk Boogie Nights entwirft der Filmemacher Paul Thomas Anderson ein Sittengemälde der Pornofilmindustrie der Siebziger Jahre. Anderson erzählt von Aufstieg und Fall eines Pornodarstellers und sinniert über Wesen und Vergänglichkeit von Ruhm.

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Filmkritik:

Boogie Nights spielt während der goldenen Ära des Pornofilms. Werke wie Deep Throat, The Devil In Miss Jones oder Behind The Green Door erreichten eine ungeheure Popularität und schwappten in den Mainstream über. Plötzlich war es en vogue, sich auf Partys über die neusten Streifen des sogenannten Porno Chic auszutauschen, selbst die New York Times widmete sich den Filmen für Erwachsene.

Später druckte die namhafte Zeitung auch einen ausführlichen Nachruf auf den verstorbenen Pornodarsteller John Holmes. Das turbulente Leben des als „Mr. 33-Zentimenter“ bekannten Stars der Branche bildet die Grundlage für Boogie Nights. Hier heißt Holmes Dirk Diggler und wird von Mark Wahlberg gespielt, der damals vor allem als Rapper Marky Mark populär war; erst seine Mitwirkung in Andersons Film etablierte Wahlberg auch als Schauspieler. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die unbekümmerte Präsenz des Hauptdarstellers beeindruckt ungemein.

Die Entourage aus Darstellern, Kameramännern und Regieassistenten beherbergt einige der besten Nebendarsteller Hollywoods: Neben John C. Reilly, William H. Macy und Philip Seymour Hoffman spielen auch Julianne Moore (Oscarnominierung) und Heather Graham mit. Über allen thront Burt Reynolds als Pornoregisseur und Oberhaupt dieser ungewöhnlichen „Familie“.

Die Stärke des Films ist es, selbst den Nebenfiguren Ecken und Kanten zu verleihen und uns in die Lage zu versetzen, diesen Mikrokosmos von innen sehen und verstehen zu können. Das Image der schmuddeligen Pornoindustrie bedient Boogie Nights nicht. Stattdessen schildert die erste Filmhälfte das Leben dieser eingeschworenen Truppe, die zusammen arbeitet und feiert. Niemand verurteilt die Eigenarten der Kollegen, es herrscht eine lebensbejahende Atmosphäre, anything goes.

Paul Thomas Anderson drehte Boogie Nights im Alter von 27 und bestätigte ein Jahr nach seinem Debütfilm Last Exit Reno jene Kritiker, die ihn für ein junges Naturtalent hielten. Die positive Stimmung der ersten Filmhälfte entsteht vor allem dank Andersons mitreißender Regie und der schmissigen musikalischen Untermalung. Bereits hier frönt der Regisseur seiner Vorliebe für ausgefeilte Plansequenzen. Gerade im Vergleich mit Andersons späteren, immer etwas manieriert wirkenden Arbeiten überrascht Boogie Nights mit einer inszenatorischen Leichtigkeit, die dem Film seinen Schwung verleiht.

Im zweiten Teil von Andersons Werk ändert sich der Tonfall: Es scheint fast so, als hätte sich das Schicksal gegen die glückliche Gruppe verschworen. Der Li­be­ra­lis­mus der Protagonisten zerstört die Beziehungen untereinander, der exzessive Drogenkonsum offenbart auf einmal seine Schattenseiten und die Industrie wendet sich ab von den Pornokinos und hin zum billig produzierten Videomarkt; nichts hält die heile Welt mehr zusammen.

Anstatt das Porträt des Milieus anhand dieser Konflikte zu vertiefen, zieht sich der Film leider aus ihm zurück. Im Zuge von Digglers Abstieg verliert Boogie Nights seine erzählerische Form. Die Krisen der lieb gewonnenen Figuren werden lediglich angerissen, die Betrachtung der Schattenseiten der amerikanischen Unterhaltungsindustrie – und damit auch Hollywoods – bleibt oberflächlich. Stattdessen begleiten wir Diggler zurück in die Gosse, was zwar dem realen Vorbild entspricht, aber eben auch vorhersehbar und etwas abgeschmackt wirkt.

So überwiegt am Ende ein zwiespältiger Eindruck, die beiden Hälften passen nicht ganz zusammen. Damit spiegelt Boogie Nights immerhin das Gefühl der Protagonisten, die nach einem Jahrzehnt voller Freiheit und Hedonismus in den konservativen Achtzigern aufwachen. Der Traum ist ausgeträumt.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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